Wenn der Körper streikt…

Ich arbeitete, wie jeden Tag. Ich war frisch verheiratet, der Stresspegel war nicht mehr so hoch wie das letzte Jahr. Seit ich meinen Heiratsantrag am 30.06.2018 erhielt, plante ich im Kopf meine Hochzeit – und was soll ich sagen, es war der schönste Tag in meinem Leben. Ich heiratete meine große Liebe. Es war gegen 18 Uhr, als ich endlich Feierabend machen konnte. Ich bin Buchhalterin. Meine Kollegin und ich mussten einiges für den monatlichen Abschluss vorbereiten. Diese Zeit ist immer stressiger, aber das war ich gewohnt. Endlich im Auto, erst mal runter vom Firmengelände. Dann wird die Lieblingsmusik lauter gedreht um abzuschalten. Puh, geschafft. War ein langer Tag. Ich war bereits seit 06.30 Uhr im Büro und habe ohne eine große Pause durchgearbeitet. Meine Augen schmerzten vom Starren auf den Bildschirm. Mein Kopf schmerzte auch sehr. Sicher zu wenig getrunken. Das vergesse ich liebend gerne, wenn ich Stress habe. Ich fahre um diese Uhrzeit gerne die Abkürzung, vorbei an dem alten Friedhof, vorbei an einem Café. Als nächstes kommt die kleine Feuerwehr auf der rechten Seite. Plötzlich weiß ich nicht mehr, ob ich auf der Straße fahre. Mir wird schwindelig, ich bekomme augenblicklich Schweißausbrüche. Panisch schlage ich mir ins Gesicht, betätige reflexartig die Warnblinkanlage und fahre ganz automatisch rechts ran. Zum Glück war ich alleine auf der Straße, aber die Sicherheit meiner Mitmenschen liegt mir am Herzen. Ich möchte auf keinen Fall verantwortungslos handeln oder wirken. Niemals. Als ich endlich wieder klar war, zitterte ich am ganzen Körper. Die Schweißperlen liefen mir von der Stirn und vermischten sich mit meinen Tränen. Wann hatte ich angefangen zu weinen? Ich versuchte mich zu beruhigen, lag sicher am zu geringen Wasserhaushalt. Trotzdem blieb ich noch eine kleine Weile am Straßenrand mit Warnblinker im Auto sitzen. Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, fuhr ich nach Hause. Meinem Mann fiel sofort auf, dass etwas nicht mit mir stimmt. Ich zitterte immer noch und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Er fragte mich, was mit mir passiert wäre. So hatte er mich noch nie gesehen. Ich erzählte ihm von dem Zwischenfall und meinte, wenn es wieder auftritt, müsse ich wohl einen Arzt aufsuchen. Die ersten Anzeichen wurden lange ignoriert – der Körper handelt auf seine Art und Weise. Ein Tag wie jeder andere auch… Am nächsten Tag ging ich wieder normal zur Arbeit, mir ging es gut. Natürlich machte mir der Schwindelanfall vom Vortag zu schaffen, aber ich musste funktionieren. Für den Monatsabschluss. Für meine Arbeit. Für meine Kollegen. Mir war den ganzen Tag schwindelig, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Meine Kollegin, die mir gegenüber sitzt, meinte öfter, dass ich blass werde. Ich antwortete nur, dass ich wohl mehr trinken müsse. Sie machte sich große Sorgen, das wusste ich. Aber erst war ein Kollege für längere Zeit ausgefallen. Ich konnte nicht auch noch krank werden. Niemals. Erst vor kurzem hatte ich eine neue Brille bekommen, vielleicht stimmte damit etwas nicht. Also auf zum Optiker meines Vertrauens. Dieser stellte keine Unstimmigkeiten fest. Sogar ein spontaner Sehtest bestätigte die Sehstärke. Unverrichteter Dinge zog ich von dannen. Einige Tage lies ich verstreichen, bevor mir meine Eltern, mein Mann, meine Kollegin und mein Vorgesetzter rieten, endlich einen Arzt aufzusuchen. Ich vereinbarte einen Termin für Donnerstag. Gleich morgens, damit ich danach noch in die Arbeit fahren kann. Ich war ziemlich nervös vor dem Arztbesuch, konnte mir aber nicht erklären warum. Mir wurde ja geholfen, nichts weiter. Ich wurde schnell aufgerufen. Frau Doktor wartet im Behandlungszimmer 1, meinte die Sprechstundenhilfe. Frau Doktor begrüßte mich, sie kennt bereits meinen Vater und fragte, ob es ihm gut ginge, ob er gesund sei. Den Umständen entsprechend gut – meine Standardaussage zum Gesundheitszustand von meinem Vater. Als ich meine Beschwerden aufzählte, blickte Frau Doktor mich an und wollte den Blutdruck messen. Kannte ich schon, der ist immer ein wenig erhöht, aber noch im grünen Bereich. Dieses Mal nicht. Frau Doktor erschrak sehr, als sie mich anschaute und meinte, 220 zu 180 und einen Puls weit über 100, das ist gar nicht gut, überhaupt nicht gut. Ich erwartete, dass sie mir Tabletten verschreiben würde, ein 24-Stunden-Blutdruckmessgerät verordnen und mich wieder gehen ließe. So war es aber nicht. Sie erklärte mir, dass ich im Moment stark gefährdet bin, einfach umzufallen. Wir unterhielten uns eine Weile, sie erklärte mir, dass sie mich in diesem Zustand nicht arbeiten gehen lassen kann. Eine Krankmeldung für 14 Tage wäre das Mindeste. Bitte? 14 Tage? Nein, das ginge nicht, erwiderte ich außer mir. Frau Doktor riet mir dringend dazu, ich akzeptierte. Als ich draußen im Auto saß, wurde mir klar, dass es wirklich ernst war. Ich rief meinen Vorgesetzten an, meine Kollegin, meinen Mann und meine Mutter. Alle wünschten mir gute Besserung und ich fuhr geschockt nach Hause. Absolute Ruhe sollte ich geben. Als ich zu Hause ankam, weinte ich. Warum, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich weinte mich in den Schlaf. Tränen waren mein täglicher Freund. Immer da, jederzeit zur Stelle. Arzttermin folgt Arzttermin Der Blutdruck sank glücklicherweise mit der Ruhe etwas ab. Allerdings war er immer noch zu hoch. Also bin ich, wie alle meine weiblichen Vorfahren, an Bluthochdruck erkrankt. Das heißt, ich muss täglich Blutdrucktabletten nehmen, etwas gegen meinen zu schnellen Herzrhythmus und gegen meinen nicht sinkenden Blutdruck in der Nacht. Nur der Schwindel ging nicht weg. Mittlerweile war ich seit fünf Wochen krank geschrieben, aber der Schwindel kam immer wieder. Auffällig war, dass er stark zurück kam, sobald meine Krankmeldung ablief. Also erhielt ich eine Überweisung von Frau Doktor an einen Neurologen. Zu dieser Zeit hatte ich bereits einige Facharzttermine hinter mir um den Schwindel auf den Grund zu gehen. Niemand konnte eine körperliche Erkrankung feststellen. Mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass mein Körper mir mit diesem Schwindel und den andauernden Kopfschmerzen gezeigt hat, dass er krank ist. Dass ich eine Pause brauche. Weil meine Seele erschöpft ist. In meinem nächsten Eintrag erzähle ich Euch den Ersttermin bei meinem Neurologen, seine Behandlungstheorie (bitte beachtet, dass dies ausschließlich meine Behandlung der Diagnose betrifft) und der Ablauf mit Antidepressiva. Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative! Telefonnummer der TelefonSeelsorge Deutschland: 0800/111 0 111 0800/111 0 222 116 123 Website: https://www.telefonseelsorge.de/ Auf der Website könnt Ihr euch auch schriftlich mitteilen oder einen Standort in Eurer Nähe suchen.