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Die Symptome, die mich täglich begleiten

Danke, für die vielen Nachrichten, die ich erhalten habe. Immer wieder kommt die Frage, wie sich meine Depression im Alltag verhält. Gerne erzähle ich Euch meine alltäglichen Symptome mit der Depression.

Die Antriebslosigkeit

Täglich ist es ein Kampf. Wirklich jeden Tag. Überhaupt aus dem Bett aufzustehen, ist gleich zu Beginn des Tages die große Herausforderung. Ich erkläre das „Problem“ für meine Freunde ganz gerne so, dass es sich anfühlt, als hätte man eine Bleidecke auf dem Körper liegen. Um aufzustehen, kostet es die ganze Energie, die man besitzt. An manchen Tagen funktioniert dies, an anderen leider nicht und die Decke ist zu schwer. Wenn man es dann schafft, endlich gegen diese Bleidecke anzukämpfen und wirklich aufsteht, fühlt es sich so an, als ob man Bleigewichte an den Beinen hätte. Jeder Schritt bedeutet einen unglaublichen Kraftaufwand. Wenn ich die Kraft nicht aufbringen kann, um viele Schritte zu machen, lege ich mich lieber wieder unter die Bleidecke. Dort fühlt es sich sicher und warm an. Natürlich ist das keine Dauerlösung, aber wenn ich keine Kraft habe, habe ich nun mal keine Kraft. Es ist in meinem aktuellen Stadium in Ordnung, wenn ich mal liegen bleibe. Auch wenn ich einen guten Tag habe und ohne Probleme aufstehen konnte, bedeutet das nicht, dass ich sonderlich produktiv bin. Anfangs war unser Haushalt ein absolutes Chaos. Ich wollte unbedingt meinen Ehemann entlasten und den Haushalt schmeißen. Pustekuchen. Wenn ich aus dem Bett kam – was schon an ein Wunder grenzte – sah ich das Chaos und ging einfach wieder ins Bett. Auch Arzttermine konnte ich nur äußerst schwer antreten, ich konnte mich einfach nicht aufraffen.

Die Überforderung

Wie oben schon beschrieben, war mir der Haushalt einfach zu viel. Ich war und bin überfordert. Einen Teller in die Geschirrspülmaschine zu stellen sollte eigentlich keine große Herausforderung sein. Ist es aber. Und was für eine. Ich schaffte nicht einmal die einfachsten Dinge ohne maßlos überfordert zu sein und zu weinen. Stundenlang. Waschen, putzen, kochen – alltägliche Dinge fielen mir mehr als schwer. Pünktlich zum Arzt? Ha, das wäre traumhaft gewesen. Ich kam meistens 5 Minuten zu spät, weil ich schon überfordert war, wo ich parken sollte, wenn ich auf Anhieb keinen Parkplatz gefunden habe. Auch heute gibt es noch solche Tage. Tage, an denen ich dermaßen überfordert bin, dass ich einfach im Bett liegen bleibe. An diesen Tagen ist es sehr schwer, dass ich überhaupt irgendwas mache, außer zu weinen und zu verzweifeln.

Die Verzweiflung und die Traurigkeit

Die Verzweiflung ist eigentlich täglich da. Ich bin verzweifelt, dass es mir so geht wie es mir geht. Bin ich traurig – bin ich verzweifelt, dass ich traurig bin. Bin ich verzweifelt, bin ich auch traurig. Für mich ist es persönlich sehr schwer hier eine Linie zu ziehen. Die Hoffnungslosigkeit, die mich an diesen Tagen packt, ist nahezu grenzenlos. Ich blicke viel pessimistischer in die Zukunft als früher, obwohl ich noch nie der Optimist war. An guten Tagen denke ich mir, dass meine Situation nicht ganz so aussichtslos ist, wie ich sie mir ausmale. Ich versuche dann, dieses Gefühl zu „speichern“, dass es mir an schlechten und schwierigen Tagen hilft. Aber an diesen Tagen ist das „Abrufen“ solcher Gefühle aussichtslos. Die Traurigkeit ist ebenfalls täglich da. Ich bin traurig, dass es mir schlecht geht, dass ich nicht mehr so bin wie ich immer bin, dass ich nichts schaffe. Es ist ein Teufelskreis, aus diesen Gedanken wieder herauszukommen.

Das geschwächte Immunsystem

Auch aktuell werde ich wieder krank. Seit ich zu Hause bin, also seit Juni, bin ich ständig krank bzw. am kränkeln. Eine Erkältung hier, eine Bronchitis da. Halsschmerzen, Fieber, Grippe. Und Herpes, ganz viel Herpes für mich. Laufend schleppe ich etwas mit mir herum. Das macht die ganze Situation natürlich nicht besser, im Gegenteil. Wenn man krank ist, ist die beste Medizin zu schlafen – das sagten schon meine Eltern als ich noch klein war. Natürlich muss man mit zusätzlichen Medikamenten aufpassen. Ich darf mit meinen Antidepressiva zum Beispiel kein Wick MediNight nehmen, welches eigentlich immer mein Allheilmittel war. Also wird eben auf andere Mittelchen umgestiegen, damit ich keine Termine verschieben muss. Die meisten Arzthelfer*innen reagieren darauf nämlich nicht ganz so gut. Ich achte momentan darauf, in welchem gesundheitlichen Zustand meine Mitmenschen und Freunde sind, bevor ich sie treffe. Wenn ich höre, dass diese angeschlagen sind, verschiebe ich das Treffen lieber. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sich mein Körper um Wichtigeres kümmern muss als meine Abwehrkräfte.

Die Schlafstörungen

Hach, die tollen Schlafstörungen. Ich liebe sie. Nicht. Die erste Zeit habe ich unglaublich viel geschlafen und war kaum noch wach zu halten. Ich habe diese Zeit unglaublich genossen, es war so erholsam und stressfrei. Gerne erinnere ich mich zurück, als ich den halben Tag verschlafen habe und trotzdem um 21 Uhr ins Bett gegangen bin, weil ich einfach müde war. Natürlich kam auch mein Kreislauf nicht in Schwung, aber ganz ehrlich – ich LIEBE schlafen. Man denkt nicht nach, man hat keinen Stress, es wirkt einfach alles etwas belangloser. Genau das, was sonst nicht der Fall ist. Nach einiger Zeit hat sich mein Schlafrhythmus etwas verändert. Ich gehe nicht vor 2-5 Uhr morgens ins Bett, schlafe kaum ein bzw. durch, stehe morgens aber trotzdem um spätestens 8.30 Uhr auf. Wenn etwas wichtiges ansteht, nehme ich eine Schlaftablette, sonst bin ich so neben der Spur, dass ich nichts auf die Reihe bekomme. Auch hier ist es ein absoluter Teufelskreis, aus dem es scheinbar aktuell kein wirkliches entkommen gibt.

Die Grübelei

Mein absolutes Lieblingsthema. Ich grüble den ganzen Tag. Wirklich den ganzen Tag. Auch die ganze Nacht, wenn ich nicht schlafen kann. Mein Gehirn scheint sich an jede peinliche Situation erinnern zu können, an der ich jemals beteiligt war. Die Details sind so unglaublich realistisch, dass ich die Situation nochmal komplett durchlebe. Natürlich habe ich nicht nur peinliche Momente erlebt. Also spielt mein Gehirn auch sämtliche Szenarien aus meiner Arbeit und meinem Privatleben durch. Die Überforderung, der Druck. Aber es werden nicht nur Szenarien durchlebt, es werden auch Gedanken hunderte Male durchdacht. Mein Lieblingsgedanke ist, warum ich mit der Depression bestraft werde. Was habe ich angestellt, dass es mir so geht? Ist es eine Prüfung? Wenn ja, schaffe ich diese Prüfung? Was, wenn nicht? Ich könnte stundenlang weiter schreiben über meine täglichen Fragen an die Krankheit. Nur nützt es nichts. Das weiß ich auch. Aber ich kann nicht damit aufhören. Grundsätzlich ist zu sagen, dass ich allgemein und auch vor der Krankheit schon ein absoluter Kopfmensch war. Ich habe zwar viele emotionale Momente, aber ich habe jede Entscheidung durchdacht. So treffe ich auch heute noch meine Entscheidungen. Es wäre allerdings so viel besser, die positiven Seiten des Lebens zu sehen, was natürlich nicht immer einfach ist. Aber man sollte es stets versuchen. Keine Sorge, es ist in Ordnung, wenn es mal nicht so ist.

Die Angst und die Panikattacke

Ja, auch die Angst ist mein täglicher Begleiter. Ich habe vor vielem Angst, wenn ich ehrlich bin. Die Angst, nicht mehr gesund zu werden. Die Angst, nicht mehr die Alte zu werden. Die Angst vor dem finanziellen Ruin. Die Angst, wieder zurückzufallen. Die Angst, ersetzt zu werden. Die Angst sich zu blamieren. Die Angst vor Neuem. Die Angst vor der Angst. Bei finanziellen Themen habe ich sogar Panikattacken. Ich war vor sehr langer Zeit arbeitslos und bin ins Harz IV gerutscht. Seitdem ist meine größte Angst, keine Lebensmittel mehr kaufen zu können, mein Auto nicht mehr tanken zu können. Sobald ich diese Angst spüre, muss ich hamstern. Es wird eingekauft, als würden morgen die Lebensmittelläden für immer schließen. Ich habe dann Essen zu Hause, um eine ganze Fußballmannschaft drei Wochen lang durchzufüttern. Normal ist das nicht, ist klar. Aber die Angst beherrscht mich dann. Mein Mann bringt mich mittlerweile ganz gut auf den Boden zurück, wenn mich eine Panikattacke umwirft.

Ich möchte mich nochmal bei allen bedanken, die mir so zahlreich geschrieben haben, auf welche Themen ich eingehen soll. Die Vorschläge werden nacheinander abgearbeitet. Gerne könnt Ihr mir trotzdem neue Vorschläge schicken. Bleibt stark – Du bist nicht allein!

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

Telefonnummer der TelefonSeelsorge Deutschland:
0800/111 0 111
0800/111 0 222
116 123
Website:
https://www.telefonseelsorge.de/
Auf der Website könnt Ihr euch auch schriftlich mitteilen oder einen Standort in Eurer Nähe suchen.

6 Kommentare

  • Schwarzelilie

    Liebe Jessica,
    ich erkenne mich in jeder Zeile wieder. Ja, die Frage warum man mit dieser Erkrankung gestraft ist begleitet mich auch.
    Ich bin den gleichen Weg wie du gegangen und habe meinen Blog gestartet, um über diese Krankheit zu sprechen, aufzuklären und für mich zu verarbeiten. Es ist irgendwie immer noch ein Tabuthema über das geredet werden muss.
    Danke für deine Offenheit 🙂
    Alles Liebe
    Jenni

    • Jessica

      Hallo liebes,
      Danke für die tollen Worte 😘
      Ich bin sehr gerührt von deinen Worten und muss dir leider meine Zustimmung aussprechen. Es ist nach wie vor ein Tabuthema und es muss aufgeklärt werden. Dringend. Denn Depressionen sind keine Loser-Krankheit sondern eine ernst zu nehmende Krankheit, das verstehen leider die wenigsten.
      Ich danke dir für das Lesen und wünsche dir vom Herzen alles Gute 😘

  • Charlene Mc Kennie

    Liebe Jessica!

    Dieser Artikel ist wirklich gut verfasst, er passt einfach und ich denke, viele Betroffene finden sich hier wieder. Und in jedem Punkt gebe ich Dir recht, ich kenne das. leider.
    Das Schlimme ist der Kreislauf bei der ganzen Sache. Nicht schlafen macht krank, das Grübeln sowieso. Aber irgendwie ist da dieser Zwang, es zu tun. Dieser Tipp hilft nicht bei jedem und sicher nicht immer, aber man muss sich zwingen, an etwas Positives zu denken, denn das gibt es auch. Ja, wirklich. Man muss sich einen inneren Schalter in den Kopf bauen (sinnbildlich) und ihn jedes Mal mit letzter (geistiger) Kraft umlegen auf: STOP. Jetzt denke ich frei. Nicht der Negative dort drinnen. Und Lächeln… klingt komisch, kann aber beim kleinsten Anflug von miesen Stimmungen etwas bewirken. Dein Körper, Dein Geist erkennt nicht, dass Du nur so tust, er spürt einfach, dass Du es tust. Warum ihn dann nicht ein wenig „beschummeln“?!

    Ich bin eigentlich nicht grad die fleißige Kommentiererin muss ich gestehen, ja, dass als Autorin (lach), aber hier musste ich was zu schreiben. Aber eigentlich wollte ich Dir auch auf diesem Wege einfach sagen, dass ich es toll finde, dass Du frei über Deine Depressionen sprichst. Du hast eine treue Leserin mehr 😉

    Alles Gute für Dich und natürlich alle Betroffenen… Charlene Mc Kennie 🙂

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