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Zwei Schritte vorwärts, drei Schritte zurück

Positiv zu denken, ist nicht immer leicht. Zumindest für mich nicht. Ich frage mich oft, ob ich „bestraft“ werde. Frage mich oft, was ich verbrochen haben muss, damit ich solch eine Last ertragen muss. Dann denke ich, dass es andere viel schlimmer haben als ich. Die tiefsten Rückschläge habe ich zurzeit Nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Noch schlimmer ist es, wenn ich körperlich krank bin, wie die letzten Tage. Dann ist es für mich eine noch größere Last, keine Kraft zu haben.

Eigentlich geht es aufwärts

Es geht aufwärts. Das fühle ich. Ich sitze nicht untätig zu Hause rum. Egal wie ich mich fühle – eine sinnvolle Aufgabe am Tag muss einfach sein. Sei es „nur“ den Teller in die Geschirrspülmaschine zu stellen oder das Paar Socken in den Wäschekorb legen. Hauptsache etwas sinnvolles. Etwas, dass normalerweise alltäglich ist und keine Kraft benötigt. Natürlich ist aufräumen anstrengend und ein Kraftaufwand, aber nicht in diesem Maße wie für einen depressiv kranken Menschen. Immer öfter schaffe ich diese sinnvolle Tagesaufgabe. Klar, es gibt Tage, an denen ich immer noch nicht aus dem Bett komme, aber aufstehen zähle ich mittlerweile nicht mehr als Tagesaufgabe. Ich lege mir pro Tag nur einen Arzttermin. Das ist einfacher für mich. Logisch, ich muss öfter raus und öfter Autofahren – aber genau das ist mein Ziel. Öfter raus. Ich lege mir z. B. den Neurologen auf einen Montag, die Psychologin allerdings erst auf Dienstag. So kann ich mich auch viel besser auf die Termine einlassen. Was ja auch extrem wichtig ist.

Ich fühle mich bei meinen Ärzten äußerst gut aufgehoben. Der Neurologe ist ein absolut verständnisvoller Arzt, der meine Interessen nicht aus den Augen verliert. Meine Psychologin ist eine wirklich tolle Frau, die mich in allem bestärkt, was positiv zu meiner Genesung beiträgt. Die Antidepressiva schlagen einigermaßen gut an. Ja, eigentlich geht es aufwärts. Aber auch nur eigentlich.

Immer vorwärts, Schritt um Schritt
Es gibt keinen Weg zurück
Was jetzt ist, wird nie mehr ungescheh’n

Kein Zurück – Wolfsheim // Songtext

Zu ungeduldig – wenn ich mich selbst zu sehr unter Druck setze

Natürlich ist das super – es wirkt, als ob ich wieder gesund werde. Das will ich, bitte versteht mich nicht falsch. Aber jeder Akt, der zu meiner Genesung beiträgt, ist unglaublich Kraftaufwändig. Ich kämpfe jeden Tag, dass es mir besser geht. Jeden Tag. Und das zerrt wieder so an meinen Kräften, dass ich eigentlich schon wieder ausgelaugt bin. Das ist ein Teufelskreis, aus dem ich zurzeit nicht ausbrechen kann.

An einem Tag läuft alles gut: Ich komme gut aus dem Bett, räume sogar die ganze Küche auf (!) und fahre noch einkaufen. Ich lächle den fremden Menschen beim einkaufen zu, bin freundlich und höflich gesonnen und erfreue mich an meinem Da-Sein. An diesem Tag grüble ich weniger, achte auf die positiven Gedanken und Gefühle und bin einfach stolz, dass es mir so gut geht. Ich bin dankbar, mich wieder wie ein Mensch fühlen zu dürfen. Wenn mein Ehemann von der Arbeit kommt, koche ich schon und stelle ihm ein liebevoll zubereitetes Essen auf den Tisch, lächle und quassele den ganzen Abend mit ihm über Gott und die Welt.

Und dann gibt es diese Tage: Ich komme nicht aus dem Bett, alles fühlt sich schwer und unglaublich kraftaufwändig an. Als ich es nach Stunden aus dem Bett geschafft habe, beginne ich zu weinen. Warum? Kann ich oft nicht beantworten. Ich wäre unglaublich gern glücklich und stolz auf mich, dass ich es aus dem Bett geschafft habe, aber das tue ich nicht. Sauer und enttäuscht bin ich auf mich, weil alles so lange gedauert hat. Gestern war das ja nicht der Fall. Ich bemerke, dass ich einkaufen müsste. Ach, ne. Lass mal. Dann gibt es was anderes zum Essen. Hm, wir haben fast nix mehr im Haus. Ach, dann bestellen wir uns was. Kein Problem. Ich versinke in Gedanken und bin zutiefst traurig und fühle mich überfordert, wie ich richtig atmen soll. Irgendwann kommt mein Mann nach Hause, er ist glücklich, weil sie eine schwierige Montage schnell erledigt haben. Er erzählt euphorisch, ich möchte ihm den Tag nicht kaputt machen und zwinge mich zu einem Lächeln und ein „ich bin stolz auf dich, Schatz.“ Er merkt sofort, dass etwas nicht stimmt, nervt mich so lange ihm zu sagen was los ist, bis ich es herauslasse. Dann weine ich wieder einige Zeit, entschuldige mich tausend Mal für die Unannehmlichkeiten, die ich glaube ihm zu bereiten. In diesen Momenten hasse ich mich am meisten. Muss sich wirklich alles um mich drehen? Kann ich mich nicht einfach für ihn freuen?

Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?

Kein Zurück – Wolfsheim // Songtext

Und dann werde ich ungeduldig mit mir. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Gestern war es ja so gut, warum ist es heute nicht so? Was mache ich falsch? Warum mache ich das falsch? Kann ich nicht einfach glücklich sein? Warum bin ich so, wie ich bin? Es hört sich nahezu nach einer Pubertät an. Nach einer Identitätskrise. Immer wieder muss ich mir einreden, dass ich gut so bin, wie ich bin. Natürlich gelingt mir das in letzter Zeit nicht so gut wie sonst. Oft setze ich mich selbst unter Druck, habe einen enormen Erwartungsdruck an mich selbst. Wenn also ein Tag gut gelaufen ist, muss der darauffolgende Tag ebenfalls gut – wenn nicht sogar noch besser laufen. Und diesen Erwartungen werde ich leider nur sehr, sehr selten gerecht.

Immer wieder muss man sich vor Augen führen, dass man „reicht“, dass man gut so ist, wie man ist.

Rückschritt

Wenn ich mich so dermaßen unter Druck setze, dass es besser laufen MUSS, kommt es zwangsläufig zu einem Rückschritt. Ich nenne es Rückschritt, da ich „nur“ einen Schritt zurück mache und nicht meinen kompletten Werdegang zunichte mache. Wobei das auch schon passiert ist. Ich nehme das Beispiel von vor zwei Tagen. Ich hatte eine akute Bronchitis mit Fieber und schmerzenden Husten. Nachts konnte ich kaum schlafen, mir tat vom vielen Husten alles weh. Um meinen Ehemann nicht zu stören, ging ich ins Wohnzimmer und schaltete mir den TV an. Ich saß also auf dem Sofa, deckte mich bis zur Nase zu und trank meinen frischen Tee. Was man halt so macht, wenn man krank ist. Ich schaute mir eine Crime-Serie an und hatte plötzlich einen schlimmen Hustenanfall. Aus dem Nichts kamen meine Gedanken. Bin ich es überhaupt Wert, wieder gesund zu werden? Wie wäre es, wenn du diese Krankheit nicht hättest? Nimmst du genug Hilfe an? Warum bist du so ein Taugenichts? Bist du genug für die Gesellschaft? Welchen Mehrwert hat die Gesellschaft mit dir? Reichst du?

Ich weinte mehrere Stunden bitterliche Tränen der Verzweiflung. Reichte denn die Depression nicht? Musste ich auch noch körperlich krank werden? Ich hasse es, wenn ich krank bin. Die Depression wird immer ein Teil von mir bleiben, das weiß ich. Ich muss nur lernen, mit diesem Teil umzugehen. Dann steht mir auch nichts mehr im Weg, komplett Gesund zu werden. Komplett Gesund zu werden, das ist mein Ziel. Und mein Ziel verliere ich nicht aus den Augen. Nicht dieses Mal.

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

Telefonnummer der TelefonSeelsorge Deutschland:
0800/111 0 111
0800/111 0 222
116 123
Website:
https://www.telefonseelsorge.de/
Auf der Website könnt Ihr euch auch schriftlich mitteilen oder einen Standort in Eurer Nähe suchen.

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