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Die erweiterte Diagnose

Die Arzttermine werden nicht weniger. Nach vier Wochen mit den neuen Antidepressiva Escitalopram hatte ich einen Kontrolltermin bei meinem Neurologen. Wieder war ich unglaublich aufgeregt und wusste nicht wieso. Ich war etwas zu früh in der Stadt und wanderte die Einkaufsmeile hoch und wieder runter. Es war eisig kalt, zumindest fühlte es sich so an. Ich war mit Winterjacke und Winterschuhen unterwegs, aber trotzdem fröstelte ich etwas. Endlich öffnete die Arztpraxis. Die Sprechstundenhilfe erkannte mich und meinte, ich solle gleich im Wartezimmer Platz nehmen, ich wäre die nächste Patientin für Herrn Doktor. Ich trat in das menschenleere Wartezimmer und setzte mich, checkte meine Mails und scrollte ein wenig durch Instagram. Nur wenig später holte mich der Arzt aus dem Wartezimmer ab. Wir begrüßten uns und wir gingen ins Behandlungszimmer. Dort angekommen bat er mich, Platz zu nehmen. Er fragte mich, wie es mir geht. Nun ja, antwortete ich, ich hatte in den vier Wochen einige Rückschritte, aber es ging auch vorwärts. Das Grübeln hört allerdings nicht auf und die Schlafprobleme werden immer extremer. Er nickte verständnisvoll und meinte, wovor ich Angst hätte. Vor der Belastung, vor der Überforderung – eigentlich vor der ganzen Situation, die aktuell herrscht. Ich fühle mich immer noch total überfordert und weine noch viel. Er nickte. Mein Gefühl sagte mir, dass irgendetwas nicht stimmt. Er wirkte etwas (verzeiht mir die Wortwahl) genervt und abwesend. Wenn ich ehrlich bin fühlte ich mich überhaupt nicht wohl. Ich war in meinen Gedanken versunken, als ich das Wort Reha hörte. Erschrocken blickte ich auf und starrte ihn an. Er merkte, dass ich nicht ganz bei der Sache bin und wiederholte den ganzen Kontext nochmal.

Reha? Für mich?

Was ich denn von einer Reha halten würde, war die Frage. Erstaunt schaute ich ihn an. Prinzipiell bin ich nicht abgeneigt war meine Antwort. Er nickte wieder. Er war stiller als sonst. Es verunsicherte mich total, dass er scheinbar etwas abweisender war als ich ihn kannte. Dann legte er seinen Stift zur Seite, faltete seine Hände zusammen und blickte mich an. Ich fing sofort an zu schwitzen und hatte etwas Panik. Er schnaufte einmal durch und meinte, dass es ernster sei als ich bis dato realisiert hätte. Ich hätte mehr als eine schwere Depression, er würde mir zusätzlich einen Burnout diagnostizieren müssen. Warum er das tue sei leicht erklärt. Nach der vergangenen Zeit müsse ich von meiner Psyche weiter voran gekommen sein. Da ich allerdings viele Schritte zurück bin und diverse Ängste, darunter auch enorme Zukunftsängste, habe, würde das Gesamtbild auch hierzu passen. Um alle Probleme in den Griff zu bekommen, würde er mir eine Reha vorschlagen. Außerdem verschrieb er mir etwas zur Beruhigung, damit ich nachts schlafen kann.

Erneuter Rückschritt im Wartezimmer

Ich saß auf dem Stuhl und dachte kurz über seine Worte nach. Vielleicht hatte er recht und es wäre das Beste, wenn ich mich meinen Problemen anders stelle als bisher. Letztendlich willigte ich ein. Er nickte und sagte, er schreibe mich nochmal 4 Wochen krank, so könne ich nicht arbeiten. Ich bedankte mich für alles und wir gingen zur Sprechstundenhilfe. Diese meinte, sie bereite alles vor, ich solle so lange im Wartezimmer Platz nehmen. Ich bedankte mich wieder und nahm Platz. Mittlerweile saßen zwei ältere Damen im Wartebereich und nickten mir zu. Langsam realisierte ich die Worte von meinem Neurologen und bekam Panik. Weg von zu Hause? Weg von meinem Rückhalt? Was war mit meinen bisherigen Aufwendungen? War alles für die Katz? Ich merkte, wie mir Tränen über die Wangen liefen. Mist. Panik kam hinzu, der Schwindel, den ich seit Wochen nicht mehr hatte, war wieder da. Beruhige dich sagte ich mir laufend. Die Sprechstundenhilfe brachte mir meine Unterlagen, ging raus und kam mit dem Neurologen zurück. Er schaute mich an und machte mit mir ein paar Atemübungen. Danach ging es mir etwas besser. Er fragte, was die Panik ausgelöst hat. Ich erklärte ihm, dass ich Angst habe, mein gewohntes Umfeld zu verlassen und dass mir die Diagnose mit dem Burnout doch sehr zu schaffen macht. Eine ältere Dame aus dem Wartebereich brachte mir einen Becher Wasser und tätschelte meinen Arm. Ich lächelte ihr freundlich zu und bedankte mich für das Wasser. Der Neurologe sprach mir gut zu und erklärte mir, dass ich deshalb mein Umfeld nicht verliere, sondern mich selbst Stärke und dadurch wieder für mein Umfeld greifbar bin. Als ich das verstanden und verinnerlicht habe, bedankte ich mich bei allen und verließ die Praxis.

Der Antrag und die Krankenkasse

Als ich die Praxis verließ, war ich trotzdem noch total perplex. Ich schrieb meinem Chef, dass ich noch mindestens 4 Wochen ausfallen werde. Außerdem schrieb ich ihm, dass ich eine Reha beantragen werde, da einfach zu wenig Fortschritte sichtbar seien und ich dadurch total unglücklich bin. Ehrlich gesagt habe ich mir mein Herz ein wenig bei ihm ausgeschüttet. Nachdem ich die Mail verschickt habe, habe ich eine Mail an meine Sachbearbeiterin der Krankenkasse geschickt. Prompt kam eine Antwort von meinem Chef, der wirklich sehr einfühlsam geschrieben hat. Als ich im Auto war, weinte ich nochmal einige Minuten. Nachdem ich meine Tabletten aus der Apotheke geholt habe, rief mich auch schon die Sachbearbeiterin der Krankenkasse an. Ich hatte gleich für den nächsten Tag einen Termin bekommen. Wirklich produktiv war ich an diesem Tag nicht mehr. Ich weinte viel und war total platt von dem Tag.

Am nächsten Tag kam ich, dank der neuen Tabletten, kaum aus dem Bett. Ich musste mich beeilen, dass ich pünktlich zum Termin bei der Krankenkasse kam. Meine Sachbearbeiterin begrüßte mich wieder wie eine alte Freundin. Wir quatschten ganz lieb, ich erzählte ihr von meinen neuen Tabletten und wie es mir heute morgen erging. Sie meinte mit einem Augenzwinkern, dass es dann ganz gut war, dass wir erst um 11 Uhr den Termin hatten. Als wir fertig waren mit dem Witzeln und uns auf den neuesten Stand bringen, zeigte ich ihr meinen vom Neurologen fertig ausgefüllten Reha-Antrag. Sie lobte mich, wie schnell ich mich meldete und dass sie es gut findet, dass ich diesen Schritt wage. Meine Zweifel erzählte ich ihr ebenfalls, sie winkte aber ab. Man würde nochmal neu zu sich finden, meinte sie. Der Hauptaugenmerk liegt auf einen selbst und das ist unglaublich wichtig mit der Krankheit. Wir füllten den Antrag für die Rentenversicherung zusammen aus. Die Fragen bestanden hauptsächlich aus den aktuellen Problemen, welche Einschränkungen ich dadurch habe und meine Arbeitsbedingungen. Als wir fertig waren, verabschiedeten wir uns und ich fuhr nach Hause. Auch an diesem Tag war ich nicht sonderlich produktiv.

Wenn die altbekannten Sympthome zurück kommen

Aktuell habe ich das Gefühl, dass ich einen gewaltigen Rückschritt mache aufgrund der erweiternden Diagnose. Es fühlt sich alles etwas schwierig an, vor allem die Antriebslosigkeit ist wieder komplett vorhanden. Ich versuche natürlich, mich nicht hängen zu lassen und täglich etwas zu erledigen, aber es fällt mir äußerst schwer. Die Schlaflosigkeit ist aufgrund der Tabletten aktuell nicht vorhanden. Es ist eher so, dass ich den ganzen Tag über sehr müde bin, auch wenn ich Dinge erledige. Ich vermute, dass sich die Tabletten – wie alle Tabletten – erst etwas einspielen müssen. Natürlich hoffe ich trotzdem, dass es mir bald wieder besser geht.

Haare raufen gehört zu meinem Alltag

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

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