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Selbstzweifel

Tagtäglich habe ich dieselben Probleme. Die Selbstzweifel. Ich bin mir mehr als unsicher, was ich kann. Dinge, die ich früher täglich erledigt habe, stellen mich heute vor enormen Herausforderungen. Da ich schon immer eher der skeptische Mensch mit wenig Selbstbewusstsein war, ist diese Symptomatik äußerst wahrscheinlich. Oft werde ich gefragt, wie sich meine Selbstzweifel äußern, wie ich mich dabei fühle und ob ich etwas dagegen unternehme. Gerne nehme ich Euch bei meiner Selbstfindung mit und erkläre ins Detail, was in meinem Kopf vorgeht.

Meine täglichen Gedanken sind zum Beispiel

  • Warum sind alle anderen besser als ich?
  • Was kann ich eigentlich?
  • Warum mag mich keiner?
  • Warum habe ich in einer bestimmten Situation so reagiert?
  • Warum geht alles schief?
  • Werde ich mich (mal wieder) blamieren?
  • Bin ich eigentlich intelligent?
  • Schaffe ich das?
  • Bin ich gut genug?
  • Bin ich überhaupt liebenswert?

Natürlich ist das nur ein kleiner Auszug und oft auch situationsbedingt. Der Mensch ist von Geburt an ein soziales Wesen. Somit ist es für uns fast natürlich, dass wir uns an soziale Regeln halten, dass wir uns in eine Gemeinschaft einfügen und die Kooperationsbereitschaft signalisieren. Da mangelnde Anpassungsbereitschaft oftmals mit Ablehnung und Ausgrenzung bestraft werden, versuchen wir möglichst wenig anzuecken. Wir suchen nach Bestätigungen oder Hinweisen in den Reaktionen der anderer. Da sind die Selbstzweifler ganz anders. Denn diese sind wesentlich selbstkritischer als andere und schöpfen ihr Selbstvertrauen gar nicht mehr aus sich selbst heraus. Somit sind die Selbstzweifler unabhängig von ihren Mitmenschen. Sie definieren sich und ihren Wert alleine über das tatsächliche (oder auch imagniäres) Feedback. Dies nennt man interdependentes Selbstbewusstsein.

Selbstzweifler definieren sich und ihren Wert anders.

Aber genug vom fachlichen Wissen – nun geht es an Beispiele, die mich aus der Bahn werfen und ich wesentlich selbstkritischer bin als meine Familie, Freunde und Bekannten.

Ein Beispiel: Es gibt fast nichts schlimmeres für mich, als die Angst, dass ich mich blamiere. Mein Mann, mein Schwager, mein Neffe, ein Freund von uns und ich waren vor kurzem auf einem Nachtflohmarkt in der Nähe. Man muss dazu sagen, ich mag Flohmärkte nicht. Aber ich bin mitgegangen, weil mein Mann ganz Feuer und Flamme war für diesen Flohmarkt. Es war ganz okay, ich habe mich nicht sonderlich wohl gefühlt, aber es war in Ordnung. Als wir nach guten 2 Stunden fertig waren, hatten wir alle einen Bärenhunger. Also haben wir uns auf ein Restaurant geeinigt und sind dorthin gefahren. Als wir auf unser Essen warteten, meinte unser Freund, ob wir nicht Lust auf Bowling hätten. Die Blicke wanderten zu mir, da ich noch nie gebowlt habe und mein Ehemann und Schwager wissen, wie ich bin. Ich schaute einen nach dem anderen an und stimmte – wohl zur allgemeinen Verwunderung, besonders zu meiner eigenen – zu. Wir bezahlten, fragten noch ein anderes Pärchen und gingen ohne unseren Neffen zum bowlen. Um ganz ehrlich zu sein, ich zitterte am ganzen Körper beim betreten der Bowlinghalle. Ich wusste nicht einmal auf Anhieb meine Schuhgröße. Als erstes sah ich mich um, damit ich mich auf die Situation einstellen konnte.

Die Bowlingbahnen waren mit UV-Licht beleuchtet und die Musik war sehr laut – wir hatten scheinbar die Disco-Nacht erwischt. Schnell wurden die Namen der Spieler eingetippt nachdem wir unsere Bahn erreichten, wir bestellten etwas zu trinken und dann ging es los. Ich war die zweite Person, die spielen durfte. Mit erhobenen, zittrigen Haupt ging ich nach vorne. Mein Ehemann zeigte mir, wie ich die Bowlingkugel fassen muss und ging mit mir nach vorne. Immerhin lies ich die Kugel auch im scheinbar richtigen Moment los. Ich traf natürlich nichts. Nach wenigen Umdrehungen ging die Kugel in die Abrollschiene. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie man dazu sagt. Alle blickten mich traurig an, ich zuckte nur mit den Schultern. Es ist äußerst ungewöhnlich, dass ich dann aktiv an etwas dran bleibe. Ich nahm die nächste Kugel und während ich diese hochhob, plapperten alle auf mich ein, wie ich es versuchen soll. Um ganz ehrlich zu sein, ich war maßlos überfordert und zitterte wieder am ganzen Körper. Ich ging nach vorne – dasselbe passierte nochmal. Das schlimmste Gefühl stellte sich ein – Blamage. Mit rotem Kopf ging ich auf meinen Platz, ich zitterte total. Mein Mann saß sich direkt zu mir, er wusste genau, wie es mir geht. Mit Tränen in den Augen sagte ich ihm, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Meine Stimme zitterte so sehr, dass eine Freundin mich ansah und ich glaube, am liebsten hätte sie mich in den Arm genommen. Aber sie wusste, dass das fatal war. Dasselbe prozedere wiederholte sich die nächsten 3 oder 4 Runden.

Ich wollte keine Spaßbremse sein, also machte ich brav mit, lächelte, applaudierte bei jedem, der einen Pin traf – also bei jedem. Sofort waren die Selbstzweifel da. Kann ich das? Warum kann ich nicht wenigstens einen verfluchten Pin treffen? Ich zitterte nicht mehr ganz so stark und meine Motivation war am Boden. Mein Schwager hatte vor vielen Jahren professionell gekegelt. Er zeigte mir immer wieder, wie ich vorgehen soll, wie ich die Kugel halten soll, wie ich meine Hüfte drehen soll, wie ich ausschwingen soll. Da er mich so nervte, tat ich genau das – und weil er die wohl meiste Ahnung von uns allen hatte. Ich hielt mich genau an seine Tipps. Und ich traf. Was war ich glücklich. Ich drehte mich zu meinen Freunden um und hatte wohl einen ziemlich lustigen und erstaunten Gesichtsausdruck. Alle applaudierten begeistert und freuten sich ernsthaft für mich. Ab diesen Zeitpunkt traf ich hin und wieder einige Pins. Sogar einen Strike hatte ich dabei.

Als wir fertig waren, gingen wir zu unseren Autos und fuhren nach Hause. Mein Mann war besonders stolz auf mich – aber nicht geringer (und zu meiner absoluten Verwunderung) stolz war mein Schwager. Er motivierte mich, einfach öfter bowlen zu gehen, es sei schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ich nickte zustimmend und ich muss zugeben, ich freue mich sehr auf das nächste Mal, wenn wir bowlen gehen.

Am darauffolgenden Dienstag hatte ich einen Termin bei meiner Psychologin. Ich erzählte ihr voller Stolz was ich geleistet hatte. Auch sie war begeistert, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin, dass ich Tipps angenommen habe und dass ich dran geblieben bin obwohl ich so viele „Niederlagen“ zu verzeichnen hatte. Ich durfte mir also wortwörtlich auf die Schultern klopfen.

Motivationssprüche bereichern meinen Alltag.

Meine Psychologin hat mir auch einige Tipps gegen die Unsicherheit mitgegeben, welche ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Das Wichtigste ist, dass Ihr Euch bewusst werdet, dass sich festgefahrene Denk- und Gefühlsmuster nicht von heute auf morgen ändern lassen. Trotzdem gibt es einige Tipps, die Ihr versuchen könnt, um diese Gewohnheiten zu ändern:

  • Führt ein Tagebuch in dem Ihr Euch notiert, was Ihr bereits geschafft habt. Erinnert Euch daran, dass Ihr Erfolge wiederholen könnt.
  • Die Unterscheidung zwischen Gefühle und Fakten kann hilfreich sein. Meistens spiegelt man das Gefühl einer Momentaufnahme und nicht einer Tatsache.
  • Sprecht darüber mit Freunden und Familie über die Angst und Scham. Es ist keine Schande, sich Hilfe zu suchen.
  • Den Erfolg visualisieren. Stellt Euch vor, wie Ihr zum Beispiel eine Präsentation haltet und die Leute hinterher applaudieren (oder Ihr einige Pins trefft und alle Freunde klatschen ;-))
  • Realistischere Anforderungen an sich selbst stellen. Verbessert das Verhältnis zu den Fehlern.

Meine Psychologin meinte, dass jeder Zweifel kennt. Man muss sich nur vor Augen führen, dass man oft zu streng zu sich selbst ist. Allerdings meinte sie auch, dass es ab und an gesünder für die Seele sei ein paar Selbstzweifel zu haben.

Ich bin noch über einen weiteren Schatten gesprungen. Seit knapp einem Jahr färbe ich meine Haare blond. Aber seit ein paar Wochen nervte mich die Farbe doch gewaltig. Vor allem nervte mich aber, dass die Blondierung den Haaren wirklich schädigt. Ich hatte keinen Spliss mehr, ich hatte einen ganzen Tannenwald. Also vereinbarte ich einen Termin bei meinem Friseur und änderte so einiges. Natürlich möchte ich Euch die Veränderung nicht vorenthalten.

Neue Haarfarbe und kürzere Haare – ich liebe es!

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

Telefonnummer der TelefonSeelsorge Deutschland:
0800/111 0 111
0800/111 0 222
116 123
Website:
https://www.telefonseelsorge.de/
Auf der Website könnt Ihr euch auch schriftlich mitteilen oder einen Standort in Eurer Nähe suchen.

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