Allgemein

In jeder Krise steckt eine Möglichkeit

Ich war heute bei meiner Psychologin. Gleich morgens um 8 Uhr. Die Uhrzeit ist bewusst so gewählt, denn wenn ich wieder arbeite, möchte ich weiter begleitet werden und kann so meine Termine ohne Probleme wahrnehmen. Es war heute eiskalt. Trotz Winterjacke zitterte ich am ganzen Körper. An diese Temperaturen muss man sich erst gewöhnen. Ich war wieder etwas zu früh dran, aber heute war mir zu kalt, um im angrenzenden Park spazieren zu gehen. Also beschloss ich kurzerhand, dass ich im Treppenhaus noch etwas wartete, bevor ich klingelte. Kurze Zeit später öffnete mir meine Psychologin die Türe mit einem freundlichen Lächeln. Wir begrüßten uns und ich konnte mich direkt auf meinem gewohnten Stuhl setzen.

Wir sprachen viel über die Ziele, die wir erarbeiten werden. Darunter fällt, dass ich mein Selbstwertgefühl steigern muss. Auch das „Nein sagen“ ist ein absolutes Muss. Sie fragte mich, wie es mir geht. Ich erzählte ihr, dass ich mich zurzeit wieder sehr schwer tue. Das positiv bleiben, das ständige Grübeln ist aktuell sehr schlimm. Mein Gefühl, bestraft zu werden ist wieder da. Mein empfinden ist, dass ich etwas „verbrochen“ haben muss, dass es mir so geht wie es mir geht. Ich erklärte ihr, dass ich wieder extreme Schlafprobleme habe. Sie fragte, ob ich es schon mit lesen versucht hätte. Natürlich. Früher habe ich ein Buch an einem Abend gelesen. Ich habe Bücher also verschlungen. Aber nach dem dritten oder vierten Satz schweifen meine Gedanken ab. Ich kann mich also überhaupt nicht konzentrieren. Das hat sich überhaupt nicht gebessert.

Lesen ist zurzeit keine Option. Nach drei bis vier Zeilen verliere ich die Konzentration.

Sie gab mir den Tipp, ich solle meine Gedanken in den Tresor packen. Ich werde dies versuchen und euch gerne Bescheid geben.

Ich erzählte ihr, dass mein Neurologe mich auf Reha schicken möchte. Sie fragte nach dem Warum. Mein Neurologe meint, ich müsste schon viel weiter sein. Sie nickte verständnisvoll und blätterte in ihren Unterlagen. Dann fiel ihr auf, dass ich „erst“ seit Juni krank bin und die Diagnose viel später gestellt wurde. Wieder sah sie mich an und sagte, dass ich mir bitte keinen Stress und Druck machen soll. Sie findet, dass ich schon gute Fortschritte mache. Ich erzählte ihr auch von dem Gefühl, dass meine ganze Arbeit an mir selbst für die Katz ist. Erschrocken schaute sie mir in die Augen und meinte, dass das nicht so ist. Ich erzählte ihr wie mein Neurologe darauf reagiert hat, dass er mich bestärkt hat, aber das Gefühl blieb. Wieder hatte ich Tränen in den Augen, als ich ihr das erzählte. Ich muss dazu sagen, dass ich heute keinen sonderlich stabilen Tag habe. Sie sagte, dass ich das anders sehen muss. Ich ging also gedanklich einen Schritt zurück und betrachtete das Gefühl, die Situation mit Abstand.

Weinerlich und skeptisch versuche ich stark zu bleiben.

Sie hatte recht. Alle erarbeiteten Schritte, die ich mir so mühsam verinnerlicht habe, waren ein Schritt in die richtige Richtung. Niemand konnte mir diese Schritte anzweifeln oder schlecht reden. Vielleicht muss ich in eine Reha, aber ich kann das als Chance sehen. Dort wird mir geholfen, das weiß ich. Es wird nicht leicht, das weiß ich auch, aber es ist eine Möglichkeit, intensiver an meiner Psyche, an meinen Problemen zu arbeiten. Ich lerne dort andere Betroffene kennen, die vielleicht Tipps und Tricks haben, die mir helfen. Diese werden mich auch verstehen, da sie dasselbe Problem haben. Ich blickte meine Psychologin an und erzählte ihr meine Gedanken. Richtig, antwortete sie. Jede Krise ist eine Chance. Man muss diese nur wahrnehmen und ergreifen.

Wir vereinbarten einen neuen Termin und verabschiedeten uns. Ich ging zu meinem Auto und dachte über die Sitzung nach. Sie hat wirklich recht. Ich muss offener der Reha gegenüber stehen. Die Frage ist, vor was ich solche Angst habe. Um ehrlich zu sein, ich habe Angst davor, meine Komfortzone zu verlassen. Zu Hause fühle ich mich sicher und aufgehoben. Ich brauche zu Hause vor nichts Angst zu haben. Es ist einfach mein gewohntes Umfeld. Zu Hause brauche ich mich nicht schämen oder verstellen. Dort werde ich bedingungslos geliebt. Bei dem Gedanken an die Reha komme ich in die sogenannte Panikzone.

3-Zonen-Modell

Das 3-Zonen-Modell hat mir heute meine Psychologin erklärt. Gerne gebe ich mein Wissen weiter.

Das 3-Zonen-Modell charakterisiert verschiedene Situationen, in denen sich ein Mensch wohl fühlt, in seiner Sicherheit bedroht fühlt oder etwas neues Neues wagt. Folgende Zonen gibt es:

Komfortzone
In dieser Zone fühlt sich ein Mensch wohl und sicher. Hier kann abgeschätzt werden, was kommt. Man kennt sich aus. Daher ist es leicht, in der Komfortzone entsprechende Aufgaben zu bewältigen.

Lernzone
Die Lernzone wird auch Wachstums- oder Risikozone genannt. Es wird ein neues Terrain betreten. Diese Zone durchbricht die Routine und wächst mit den neuen Herausforderungen. Zwar kann dies mit geringfügigen Ängsten und Unersicheiten begleitet sein, aber es hilft, neue Fähigkeiten zu erwerben und somit zu wachsen. Zu Beginn ist der Ausgang der Situation unklar, aber wenn der Plan aufgeht, wurde die Komfortzone erweitert.

Panikzone
Die dritte Zone ist die Panikzone. In dieser Zone geraten Menschen leicht unter großen Stress bis zur Panik. Das passiert, wenn die Aufgaben vollkommen unklar und unbekannt sind, die Umgebung und Abläufe fremd sind. Das Gefühl der Überforderung stellt sich ein und kann mit psychischen Symptomen wie Zittern und Schweißausbrüchen einhergehen. Wird die Situation gemeistert stellt sich ein Erfolgserlebnis ein.

Die Frage ist, warum man die Komfortzone verlassen will. Es gibt Menschen, die „brauchen“ das. Sie wollen die Herausforderung, den sogenannten Kick. Jeder Mensch hat Träume, Ziele und Visionen. Und diese werden nicht von der Couch aus erreicht.

Aktuell bin ich dabei, meine Komfortzone zu verlassen. Es werden Lernprozesse in Gang gesetzt, die sich positiv auswirken – mein Heilungsprozess sozusagen. Natürlich bedeutet es meine Komfortzone zu verlassen, dies ist zunächst eine neue Erfahrung, wird aber mit der Zeit zur Routine, also eine Erweiterung der Komfortzone. Ich muss mich Stück für Stück in neue Bereiche vortasten. Oft passiert dies mit meiner Psychologin. Bei jeder Sitzung lerne ich etwas Neues über mich, muss mich aber erst darauf einlassen. Meine Psychologin gab mir folgende Übungen mit.

  • Achtsamkeit anwenden
    Reflektiere deine Gefühle und Ängste. Nimm sie wahr. Versuche zu verstehen, inwieweit diese dich behindern. Finde heraus, ob Du etwas ändern möchtest.
  • Abschätzen der Risiken
    Mach dir bewusst, wie riskant dein Vorhaben ist. Bleib realistisch. Verdeutliche dir das Riskio, dass senkt die Hürden für notwendige Veränderungen.
  • Neues probieren
    Was wolltest Du schon immer mal machen/können? Ich würde gerne freier reden können, wäre zumindest für meine Insta-Storys sehr praktisch. Bevor ich Insta-Storys verfasse, singe ich oft einfach laut ein Lied vor mich her. Du kannst natürlich auch an Diskussionen teilnehmen oder eine fremde Person in der Fußgängerzone ansprechen.
  • Finde Unterstützung
    „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, genauso ist es mit neuen Aktivitäten probieren. Bei mir war es das Bowling, ich hatte meine Unterstützung in meinen Freunden. Versuche neue Dinge gerne mit Freunden oder Familie.

Wie Ihr seht, ist mein Weg noch lange und beschwerlich. Ich muss noch viel lernen und auch umsetzen können. Auf der einen Seite freue ich mich auf die neuen Erfahrungen, die mich begleiten werden. Auf der anderen Seite fällt es mir unglaublich schwer meine Komfortzone zu verlassen. Trotzdem möchte ich meinen Weg finden und auch beschreiten. Natürlich wird es nicht immer leicht sein, aber ich möchte gesund werden. Koste es, was es wolle – ich bin bereit.

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

Telefonnummer der TelefonSeelsorge Deutschland:
0800/111 0 111
0800/111 0 222
116 123
Website:
https://www.telefonseelsorge.de/
Auf der Website könnt Ihr euch auch schriftlich mitteilen oder einen Standort in Eurer Nähe suchen.