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Reha – die ersten Wochen in der psychosomatischen Klinik

Die ersten Wochen Reha sind geschafft. Es sind viele neue Eindrücke, viele neue Menschen, neue Probleme, Überforderung und Heulanfälle. In diesem Artikel geht es um die Angst zu versagen, die tägliche Überforderung und Heimweh. Aber der Reihe nach.

Die Anreise

Es ging schon sehr früh los. Die Fahrt von 4 1/2 Stunden vergingen viel zu schnell. Ein Freund hatte mir ein Hörbuch ausgeliehen, welches ich mit Genuss hörte. Der Abschied von meinen Liebsten war mir sehr schwer gefallen, regelmäßig weinte ich bei der Verabschiedung. Während ich diese Zeilen schreibe, kullern mir immer wieder Tränen über die Wangen. Noch nie war ich so lange von ihnen getrennt.

Als auch der Abschied von meinem Mann endlich geschafft war, ging die Reise los. Ich versuchte mich zu entspannen, was natürlich nicht möglich war. Ich zitterte am ganzen Körper und machte mir meine Gedanken wie es wohl werden würde. Die Fahrt war sehr angenehm, ich kam in keinen Stau. Als es dann auf dem Navi nur noch wenige Kilometer waren, begann mein Herz zu rasen. Jetzt geht es los, dachte ich mir. Bis dahin war ich wirklich gut darin, den Tatsachen nicht ins Auge blicken zu müssen.

Und dann entdeckte ich das Gebäude. Es ist groß und ich bin ganz ehrlich – hässlich. Mein erster Gedanke war, dass ich hier eingehen werde. Ich fand zu meiner eigenen Verwunderung schnell einen Parkplatz vor der Türe. Noch ein kleines Weilchen blieb ich im Auto sitzen. Ich rief meinen Mann an um ihm zu sagen, dass ich angekommen bin. Und wieder kämpfte ich mit dem Tränen. Aber es half ja nichts, ich musste rein.

Die Ankunft

Ich packte meinen Koffer aus dem Auto und ging den Berg zum ersten Mal hinunter. Um ehrlich zu sein war ich dermaßen verunsichert, dass ich am liebsten wieder nach Hause gefahren wäre. Die automatischen Türen öffneten sich und ich stellte fest, dass es gar nicht so unfreundlich wirkte. Nervös stellte ich mich in die Schlange der Rezeption.

Die Dame war sehr freundlich und begrüßte mich mit einem Lächeln. Das nahm mir die Angst. Sie erklärte mir, dass ich im 7. Stock mein Zimmer hätte. Ich würde aber noch eine kleine Führung durch das Haus bekommen. Wie aufs Stichwort kam eine kleine zierliche Dame und erklärte mir die Wege. Sie erklärte mir auch, dass ich morgens unbedingt auf den rechten Monitor in der Halle schauen sollte. Denn dort stehen die Therapeuten, die nicht im Haus sind. Ganz ehrlich, ich vergesse es heute noch.

Nach der Führung ging es in mein Zimmer. Es ist hell und funktionell, aber nichts besonderes. Ich habe einen großen Schreibtisch, an dem ich meine Hausaufgaben perfekt erledigen kann. Wir haben keinen Fernseher oder WLAN auf unseren Zimmern. Einen Fernseher hab ich mir geliehen, einfach, damit ich etwas zur Ruhe komme. Und dann ging es auch schon ans Mittagessen.

Mein Zimmer

Der Speisesaal

Der Speisesaal ist groß und lichtdurchflutet, mit vielen Tischen. Man bekommt einen Platz zugewiesen. Dieser Platz ist fest und täglich in Gebrauch. Eine kleine, etwas dickere Dame zeigte mir meinen Platz. Danach durfte ich mir mein Essen holen. Es war leckerer als gedacht. Dann brachte mir die Dame den ersten Mitpatienten an meinen Tisch. Er ist groß und hat ein spitzbübisches Funkeln in den Augen. Er setzte sich neben mich und stellte sich als Alex vor. Kurz darauf kam eine junge blonde Dame an unseren Tisch. Sie stellte sich als Stephi vor. Ich mochte die beiden direkt.

Wir haben auch feste Essenszeiten. Das Frühstück ist von 07.00 – 08.30 Uhr, das Mittagessen von 11.30 – 12.45 Uhr und das Abendessen von 17.30 – 18.45 Uhr. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass man vor allem beim Abendessen sehr zeitig dran sein muss, sonst ist das meiste vergriffen. Also bildet sich täglich eine Schlange vor dem Speisesaal, damit auch jeder etwas abbekommt.

Die Mitpatienten

Von diesem Tag an sind wir ein unzertrennliches Trio. Wir verbringen so gut wie jede freie Minute zusammen und fühlen bei jedem mit. Natürlich lernt man noch so einige Leute kennen, aber mit niemanden bin ich auf der gleichen Wellenlänge wie mit Stephi. Wir verstehen uns so gut, dass wir uns mit Blicken unterhalten können. Kurze Zeit später kam noch Meli dazu, die eine ganz liebevolle Person ist.

Zu viert unternehmen wir viel an den Wochenenden. Wir waren beispielsweise schon in Freiburg. Da Stephi dort geboren ist und studiert hat, hatten wir praktischerweise eine Reiseführerin. Sie zeigte uns viele wundervolle Plätze.

Freiburg war ganz wunderbar.

Erschöpft kamen wir so spät wie noch nie in die Klinik zurück. Aber wir waren glücklich – glücklich, dass wir uns haben. Und ja, es ist einfach eine wunderbare, kleine „Familie“ geworden und alle drei sind mir sehr ans Herz gewachsen.

Ich denke, dass einige Mitpatienten einen Rückschritt in der Reha machen. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass man wieder einen strukturierten Tagesablauf hat. Was mich am meisten beschäftigt sind die Schicksale der anderen Patienten. Ich kann und möchte nicht weiter auf dieses Thema eingehen um die Privatsphäre der anderen Patienten zu schützen. Allerdings sind hier einige Geschichten, die mich bis in meine Träume begleiten. Anfangs war es für mich sehr schwer mich richtig abzugrenzen. Mittlerweile habe ich gelernt, diese Geschichten nicht mehr allzu sehr an mich ranzulassen.

Der Therapieplan

Ein sehr wichtiges und entscheidendes Werkzeug der Klinik ist natürlich der Therapieplan. Diese erhalten wir wöchentlich – außer es gibt Änderungen, weil beispielsweise ein Therapeut krank ist. Daher wurde uns empfohlen mindestens dreimal täglich unseren Briefkasten zu leeren. Hier finden wir Uhrzeiten mit den entsprechenden Terminen, wie zum Beispiel Gruppentherapien oder Kreativtherapien. Ganz wichtig ist auch die Entspannung zwischendurch. Hier haben Stephi, Alex und ich „kognitives Training“. Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Man begibt sich auf eine Reise durch den Körper mit Achtsamkeit.

Anfangs hatte ich einen ziemlich straffen Zeitplan. Ich habe dann mit meinen Ärzten gesprochen, dass ich dieser Herausforderung noch nicht gewachsen bin und mir alles zu viel wird. Der Plan hat sich somit für mich zum Positiven gewandt und ich habe einige Termine weniger.

Die Therapien

Ich habe einige Gruppensitzungen in der Woche. Und ja, es ist genau so wie man es sich vorstellt. Man sitzt im Kreis und stellt sich mit seinem Namen, Alter und wenn man sich traut auch mit seiner Diagnose vor. Für viele ist das der absolute Horror, für mich eine tolle Erfahrung. Ich habe eine sehr liebe Gruppe bekommen, die ich dreimal wöchentlich habe. Wir verstehen uns alle sehr gut untereinander und können uns gute Ratschläge mitgeben. In dieser Gruppe sprechen wir über alltägliche Probleme oder was uns gerade im Moment beschäftigt.

Auch in einer sogenannten Berufsproblemgruppe bin ich einmal in der Woche. Hier werden nur die beruflichen Probleme besprochen. Da ich prinzipiell keine großartigen Probleme im Beruf habe, ist dies mehr eine Stütze.

Dann kommen wir zu einer meiner Lieblingsgruppen. Die Musiktherapie. Ich muss dazu sagen, ich kann absolut kein Instrument spielen oder Noten lesen, aber es macht wirklich großen Spaß. Jeder in der Gruppe schnappt sich ein Instrument und klimpert darauf los. Am Ende wird es oft ein sehr harmonisches Miteinander und die Melodie kann sich durchaus hören lassen.

Noch so eine Lieblingstherapie ist die Kreativtherapie. Hier bastelt, malt oder schleift etwas nach seinem Geschmack. Ich habe beispielsweise schon einen Korb gepflochten. Aktuell bin ich an einem Sandstein dran, der eine Art Handschmeichler werden soll.

Mein selbstgebastelter Korb

Die Therapeuten und Ärzte

Über meine Therapeuten kann ich prinzipiell nichts schlechtes sagen. Mein Arzt ist ein sehr lieber Mensch und hilft mir immer gerne weiter. Er achtet sehr darauf, dass es mir nicht zu viel wird. Meine Therapeutin hingegen ist etwas schwieriger. Anfangs wurde ich nicht warm mit ihr, ich hatte viele Zweifel. Seit meinem heutigen Termin tue ich mich etwas leichter, da wir endlich etwas in die Tiefe der Psyche gehen.

Ansonsten sind die Therapeuten sehr nett. Ich habe einige Sporteinheiten und diverse Therapien und kann nichts negatives gegenüber den ausführenden Personen sagen.

Letzte Worte zu dem Artikel

Ich muss ehrlich gestehen, dass die Reha bereits einiges bewirkt hat. Das Lesen – eins meiner liebsten Hobbys – gelingt mir wieder öfter, ich kann mich mehr konzentrieren und die Gespräche mit den Mitpatienten sind unglaublich toll. Oft trifft man sich abends auf ein Spielchen im Bistro oder Aufenthaltsraum. Natürlich vermisse ich meine Familie sehr und würde am liebsten heute noch zu ihnen fahren, aber ich weiß, dass mir die Zeit hier unglaublich gut tut.

Ich bin noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem ich gerne wäre. Wahrscheinlich muss ich auch damit leben, dass ich nie mehr so sein werde, wie ich bisher war. Ich muss lernen, mit einem neuen Ich zurückzukehren und dieses auch vertreten zu können. Viel eher muss ich die Reißleine ziehen, wenn mir etwas zu viel wird und umso öfter muss ich „Nein“ sagen.

Gleichzeitig muss ich öfter das tun, was mir Spaß macht. Ich muss lernen, eine angenehme „Work-Life-Balance“ zu gestalten und viel mehr auf mich und mein Bauchgefühl zu hören. Nicht einfach nur stur zu funktionieren.

Das Leben hält so viel mehr bereit und ich bin gerade dabei, es wieder zu entdecken. Und genau das ist es, was ich zurzeit wieder lieben lerne – mich und mein Leben.

Eure Jessica

Hilfe holen

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

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