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Zurück in die Normalität

Es waren mit Abstand die intensivsten sechs Wochen meines Lebens. Ich habe viel gelacht, viel geweint, viel gelernt und viel Spaß gehabt.

Seit knapp 3 Wochen bin ich wieder zu Hause. Die Reha tat mir unglaublich gut und ich bin sehr gestärkt nach Hause gefahren. Der Abschied von meiner „Gang“ fiel mir sehr schwer und wir alle weinten bitterliche Tränen. Auch wenn wir in Kontakt bleiben wollen, es ist ein Abschied auf Zeit. Nachdem wir sechs Wochen beinahe Tag und Nacht miteinander verbracht haben, fuhr ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Stephi war bereits eine Woche vorher abgereist und gewöhnte sich nur schwer an den Alltag. Ich hatte ja noch den Rest der Gang. Alex, Melli, Alessa und Andrea blieben brav bei mir. Trotzdem fehlte einfach jemand. Wir verbrachten weiterhin jede freie Minute miteinander. Ich erhielt in meiner Musiktherapie eine Abschiedsmelodie und weinte bereits eine Woche vorher, dass ich diese tolle Therapie nicht mehr haben werde. Leider hatte ich auch keine Kreativtherapie mehr, welche mir unglaublich viel Spaß machte.

Der Abschied von der Klinik

Endlich war es soweit – wir durften alle nach Hause. Ich packte bereits Sonntag meinen Koffer, obwohl ich erst Dienstag nach Hause fahren konnte. Das Zimmer war erschreckend leer. Ich hatte mich so sehr an dieses Zimmer gewöhnt, dass es sich wie ein Auszug anfühlte. Immer wieder liefen die Tränen – zu meiner eigenen Verwunderung. Schließlich wollte ich erst gar nicht hier her und jetzt wollte ich irgendwie nicht nach Hause. Es war sehr seltsam und ich habe meine Gefühlslage mit meiner Gang besprochen, aber auch in den Gruppentherapien. Der Abschied bedeutete für mich zurück in die Normalität. Und davor hatte ich letzten Endes doch mehr Angst als ich mir eingestehen wollte.

Sonntag trug ich die meisten Gepäckstücke ins Auto. Immer wieder ein Teil, welches ich nicht mehr benötigte. Am Montagabend gingen wir mit einer großen Runde zum Essen. Es war wirklich sehr schön, nochmal alle Bezugspersonen um einen rum zu haben. Hier merkte man schon, dass alle etwas mit dem Abschied kämpften. Wir lachten und alberten viel herum, es war einfach ein absolut gelungener Abend.

Doch der Abreisetag kam immer näher. Unweigerlich. Ich brachte meinen Koffer noch ins Auto und war somit zur Abreise bereit. Wir trafen uns nochmal alle an der Rezeption um unsere Entlassungspapiere abzuholen. Hier wurde ich sehr oft umarmt und die Tränen kullerten. Es war alles sehr unwirklich und irgendwie wollte ich den Abschied nicht. Versteht mich nicht falsch, ich habe mich unglaublich auf zu Hause gefreut, aber ich wollte diesen geschützten Rahmen nicht aufgeben. Schließlich wurde sich um alles gekümmert: die Entscheidung fürs Essen, was man den ganzen Tag macht und natürlich auch die Leute.

Als ich meine Entlassungspapiere in der Hand hielt, wusste ich, dass es jetzt geschafft ist und es nach Hause geht. Ich freute mich, aber ich fühlte mich auch etwas überfordert.

Endlich zu Hause

Ich marschierte noch mit Tränen in den Augen zum Auto, stieg ein und die Reise nach Hause begann. Die Fahrt nach Hause war sehr angenehm. Ich hörte mein Hörbuch und musste ziemlich oft kichern. Meine Laune hatte sich gebessert und ich telefonierte ab und an mit meinen Eltern und meinem Ehemann.

Sonnenschein über der Heimat

Nach ein paar Stunden erkannte ich bereits die ersten Zeichen der Heimat. Es fühlte sich sehr gut an und ich freute mich immer mehr auf zu Hause. Endlich fuhr ich in die Garage, machte das Auto aus und fühlte mich gleich wieder wohl. Mein Mann kam direkt aus der Wohnung gerannt und half mir bei meinem Gepäck. Endlich zu Hause.

Die Eingewöhnung zu Hause

Ich freute mich sehr, endlich wieder zu Hause zu sein. Alles fühlte sich so vertraut an. Mein Mann hatte noch die Grippe und ich pflegte ihn wieder gesund. Ich hatte am Donnerstag einen Termin bei meinem Neurologen. Er war sehr zufrieden mit meinen Fortschritten und war etwas über die Änderung der Tabletten verwundert. Er verschrieb mir die neuen Tabletten und ich wurde weiterhin krank geschrieben. Auch während der Wiedereingliederung bin ich krank geschrieben. Kurz darauf erwischte mich die Grippe und ich lag eine Woche mit Fieber im Bett.

Als ich endlich wieder gesund war, überlegte ich, was ich alles zu Hause anstellen könnte. Die viele Freizeit machte mir zu schaffen. Meine Therapeutin hatte mir wegen Krankheit leider abgesagt, also hatte ich so rein gar nichts zu tun. Ich wusste wirklich nicht, was ich tun sollte. Also schlief ich sehr viel. Das war auf Dauer leider auch keine Lösung. Mir fiel die Decke auf den Kopf und ich musste etwas unternehmen.

So ging ich mit meiner besten Freundin zum Frühstücken. Endlich wieder ein wenig Abwechslung. Wir quatschten viel über meine Reha und was so los war bei unseren Freunden und Bekannten. Ich wurde sozusagen auf den neuesten Stand der Dinge gebracht. Wir verbrachten einige Stunden zusammen und dann fuhr ich wieder nach Hause.

Frühstücken mit der besten Freundin

In der Reha hatte ich ziemlich großen Spaß am „pumpen“, also am Gerätetraining. Das wollte ich zu Hause unbedingt beibehalten. Da ich krank war konnte ich kein Probetraining vereinbaren. Doch jetzt war es endlich so weit – ich hatte am Montag mein Training zur Probe. Es war wirklich gut und ich fühlte mich auch auf Anhieb wohl. Also habe ich mich bei dem Fitnessstudio angemeldet und bin sehr glücklich damit – zumindest habe ich gleich einen richtigen Muskelkater bekommen.

Letzte Worte zu dem Eintrag

Die Reha war absolut besonders und schön. Ich habe mich äußerst wohl gefühlt und hatte super liebe Menschen um mich rum. Daher fiel mir der Abschied auch besonders schwer. Und wenn ich ehrlich bin, vermisse ich den Reha-Alltag. Wir haben uns in solch einem geschützten Rahmen befunden, dass ich gestärkt nach Hause fahren konnte. Der Alltag ist aktuell noch etwas schwer, da ich mich quasi selbst beschäftigen muss. Ich habe mit Hand-/Brushlettering begonnen und versuche dies konsequent durch zuziehen. Es ist nicht immer leicht und aktuell ist dies meine größte Herausforderung.

Ab dem 16.03.2020 gehe ich wieder arbeiten – zumindest vier Stunden am Tag. Wenn ich ehrlich bin, freue ich mich wahnsinnig darauf. Ich brauche diese tägliche Aufgabe mehr, als ich zugeben möchte. Leider gab es einige Komplikationen bei der Beantragung der Wiedereingliederung und so fragen einige Stellen bei mir an, ob das nun klappt. Zumindest habe ich ein wenig E-Mail Verkehr in der Hand.

Die letzte Woche habe ich mir einigermaßen gut verplant. Heute war ich mit meinen Eltern beim frühstücken, es war absolut lecker und bezaubernd. Morgen gehe ich endlich zum Friseur – darauf freue ich mich tierisch. Danach fahre ich zu einer Freundin, auf die ich mich auch sehr freue. Am Donnerstag sehe ich endlich meine Therapeutin wieder. Freitag gehe ich mit meiner Tante zum frühstücken und abends fahre ich mit meinen Eltern einkaufen. Samstag hat meine Schwiegermama Geburtstag.

Ihr seht, ich versuche mich gut zu beschäftigen. Ich habe nicht gedacht, dass es solch eine Anstrengung ist, wieder zu Hause anzukommen. Natürlich wusste ich, dass es anders wird – aber dass es SO anders wird, habe ich mir nicht gedacht. Trotzdem versuche ich das Beste aus der Situation zu machen. Dank meiner neuen Tabletten bin ich viel aktiver und voller Antrieb. Daher sollte es mir nicht besonders schwer fallen, meinen neuen Alltag zu meistern.

Eure Jessica

Hilfe holen

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

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