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Die drei Hilfesäulen der Depression

Ich habe gelernt, wie ich mit der Krankheit umgehen muss. Die Umsetzung ist nicht immer ganz leicht, aber ich gebe täglich mein Bestes. Natürlich läuft es nicht immer gut und natürlich habe ich auch schlechte Tage. Manchmal sind diese sogar zusammenhängend. Aber seit der Reha geht es mir viel besser.

In der Reha habe ich unglaublich viel gelernt, was ich euch nicht vorenthalten möchte. Darunter fällt auch dieser Beitrag. Ich freue mich, wenn ich euch wenigstens ein bisschen helfen kann.

Die erste Säule – Bewegung

Ich gebe es zu – im Bett oder auf dem Sofa zu lümmeln ist angenehm und sehr leicht. An schlechten Tagen habe ich mich morgens aus dem Bett gezwungen und hab mich dann direkt aufs Sofa gelegt. Ich habe den Fernseher angemacht und entweder geschlafen oder das sinnlose Programm versucht zu verfolgen. Aufgrund mangelnder Konzentrationsfähigkeit war das aber schnell erledigt und ich habe wieder geschlafen.

Schlafen ist etwas sehr schönes. Man denkt nicht nach, die Welt steht für einen selbst ein paar Stunden still. Ich habe anfangs mit Sicherheit 16 Stunden am Tag geschlafen. Natürlich ist das nicht die Lösung, aber es war wunderbar einfach. Bis ich in die Reha kam. Dort wurden mir Termine vorgelegt. Zu diesen hatte ich da zu sein. Dieses Stück Normalität hat mir gut getan. Ich musste zu diesen Terminen, ob ich „wollte“ oder nicht. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber ich wollte etwas ändern. Also erklärte mir der Oberarzt, dass Bewegung ein gutes Mittel zur Stressbewältigung ist.

Das wollte ich nicht wahrhaben. Ich bin ehrlich – ich bin absolut bewegungsfaul. Sport bereitet mir einfach keine Freude. Egal ob Fahrrad fahren oder Walken. Es macht mir einfach keinen Spaß. So erklärte ich es auch dem Oberarzt. Er nickte nur und meinte, ich solle ihm einfach vertrauen. Ich wurde dann in diversen Sportprogramme geschickt. Von Gymnastik bis Fitnessgeräte war alles dabei. Und mir ging es tatsächlich besser.

Die Bewegung tat gut. Während ich den Sport betrieb, konnte ich nachdenken – oder auch nicht. Und so entstand meine „Liebe“ zu den Fitnessgeräten. Ich hatte unter Tags schon viel Sport, war aber so angeheizt, dass ich abends ins interne Fitnessstudio ging oder schwimmen. Die letzten zwei Wochen der Reha war ich abends täglich noch zusätzlich beim Sport. Der Oberarzt hat mich nicht angelogen. Die Bewegung half mir sehr gut.

Die zweite Säule – Therapie

Ich war vor der Reha bereits in Therapie. Ganz ehrlich – ich fand das anfangs etwas schräg. Ich sah mich nicht als „so krank“, dass ich darüber mit jemanden sprechen musste. Und über was spricht man in der Therapie überhaupt? Wie meine Psychologin zu Hause ist, habe ich euch bereits erzählt. Sie ist einfach spitze. Ich fühle mich bei ihr unglaublich gut aufgehoben. In der Reha war das leider komplett anders.

Meine Psychologin in der Reha war – laut den Pflegern – unglaublich erfahren. Ich muss zugeben, dass ich sie von dem ersten Augenblick nicht sonderlich sympathisch fand. Aber gut. Das erste Gespräch war dementsprechend verhalten und bei weitem nicht so intensiv wie bei meinen Mitpatienten. Aber mit dieser Dame habe ich abgeschlossen. Sie hat mir leider überhaupt nicht weiter geholfen. Außerdem fand sie alles was ich sagte irgendwie witzig. Sie lachte viel und ich fühlte mich nicht ernst genommen.

Was mir wirklich gut geholfen hat, war meine Gruppentherapie. Genannt wurde diese „interaktionelle Gruppe“. Dort waren bis zu 10 Personen. Es war wirklich so, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Man sitzt im Kreis und sagt ein paar Worte zu sich und seinem Problem. Aber hier konnte ich wirklich über meine Probleme sprechen und erhielt sofort einige Sichtweisen, die mir wieder Stoff zum Nachdenken gebracht haben. Was mir auch unglaublich gut gefallen hat, war, dass es nicht nur um mich ging. Ich konnte den anderen Patienten helfen. Und wenn ich ehrlich bin, vermisse ich diese Gruppe sehr. Wir waren ein sehr tolles Team.

Trotzdem möchte ich gerne darauf eingehen, über was man spricht. Ich persönlich habe eben viel über meine Arbeit gesprochen. Bis ich darüber ohne zu weinen sprechen konnte, verging sehr viel Zeit. In den Anfangssitzungen ging es bei mir hauptsächlich um die akute Hilfe. Danach wird viel geforscht, woran es liegt, dass man so reagiert wie man reagiert. Bei mir ist es eine Mischung aus zu geringem Selbstwertgefühl, zu geringes Selbstbewusstsein und zu hohes Loyalitätsgefühl. Meine größte Sorge ist, jemanden zu enttäuschen.

Die dritte Säule – Medikamente

Hier muss ich dazu sagen, dass es komplett individuell ist. Ob jemand Medikamente nehmen soll oder auch nicht ist immer mit dem behandelnden Arzt abzusprechen. Bei mir war schnell klar, dass es mindestens eine mittelschwere Depression ist, daher erhielt ich sehr zügig Antidepressiva. Ich habe einige Tabletten versucht und war vor der Reha relativ gut eingestellt. Durch meine Gewichtszunahme war schnell klar, dass man die Tabletten umstellen muss.

Die Ärzte haben sich daraufhin beraten und ich konnte die alten Antidepressiva ausschleichen. Das ist sehr wichtig, denn wenn man die Tabletten einfach absetzt, kann sich das Krankheitsbild verschlimmern bzw. verschlechtern. Nachdem ich meine alten Medikamente also ausgeschlichen hatte, konnte ich mit den neuen beginnen. Ich hatte starke Nebenwirkungen, aber ich hab diese durchgehalten. Ich war zwei Tage von allem befreit, lediglich die Therapie habe ich wahrgenommen. Mit den neuen Tabletten ging es mir viel besser. Ich habe mehr Lebensqualität gewonnen. Also mehr Lebenslust, mehr Antrieb und meine schlechten Tage haben sich merklich verringert.

Auch neue Schlaftabletten habe ich bekommen. Mit den alten Tabletten wurde ich nachts nicht wach, ich konnte durchschlafen. Da die Reha aber dermaßen anspruchsvoll war, war ich abends entsprechend müde und konnte mit den neuen – etwas leichteren Tabletten – genauso gut schlafen. Mittlerweile sieht das leider etwas anders aus, aber das ändert sich sicher wieder, sobald ich mehr ausgelastet bin.

Letzte Worte zu dem Artikel

Ich spreche aus Erfahrung, dass diese drei Säulen helfen (können). Auch bin ich mir bewusst, dass jedes Problem anders ist und dass nicht alles bei jedem hilft. Und ich weiß auch, dass eine Therapie schmerzhaft sein kann. Oft hab ich geweint und wollte mir gewisse Dinge nicht eingestehen. Oder hab sogar einige Aspekte persönlich genommen.

Aber alles, was ich bisher gelernt habe, ist, dass es niemals ein Dauerzustand ist. Nur weil ich einen schlechten Tag habe, heißt das nicht, dass ich ein schlechtes Leben habe.

Mit diesen drei Säulen habe ich mein Leben wieder einigermaßen in den Griff bekommen. Ich versuche alle Aspekte in mein Leben einzubauen. Vor allem versuche ich mir mein Lachen und meinen neu gewonnen Optimismus zu bewahren. Das Wichtige ist, dass DU glücklich bist. Und wenn dich etwas unglücklich macht, muss es weg.

Eure Jessica

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