Allgemein

Die schwere Phase

Ich habe einige Zeit nichts geschrieben, dafür entschuldige ich mich ganz aufrichtig. In letzter Zeit war es nicht ganz einfach für mich. Desöfteren habe ich gehört, dass ich mich wieder in mein Loch fallen könnte. Während die Anderen dies bemerkten, war ich schon wieder in mein Loch gefallen. Es ging rasend schnell und ich konnte teilweise gar nicht so schnell reagieren. Die Situation mit Corona ist alles andere als leicht. Tätigkeiten, die mir Spaß machen kann ich öfter aufgrund der Einschränkungen nicht machen. Auch das Fitnessstudio, welches mir so unglaublich gut getan hat, hat an Reiz verloren. Ich weiß, dass es mir gut tut, aber ich habe den Antrieb regelrecht verloren. Wenn ich mich aber doch überwinden kann, bin ich wirklich glücklich.

Ich hatte am Dienstag einen Termin bei meinem Neurologen. Natürlich hatte ich ihm davon erzählt, wie es mir geht und dass ich dem Loch gefährlich nahe komme. Er nahm sich unglaublich viel Zeit für mich und er erklärte mir, dass ich dringend differenzieren muss zwischen einem Rückfall und einer „schweren Phase“. Nach längerem Erzählen wie es mir geht, erklärte er mir, dass es sich eher nach einer schweren Phase anhört als nach einem Rückfall. Er mache sich wenig Sorgen um mich, sagte er.

Die verloren Lebensfreude

Es war äußerst mühsam, die Lebensfreude wieder aufzubauen. Daher war es mir umso wichtiger, diese nicht zu verlieren. Trotzdem verlor ich sie wieder. Ich war unglaublich stolz darauf, dass ich sie aufbauen konnte. Die Reha, und auch die lieben Menschen um mich dort, taten mir unglaublich gut. Die Zeit, sich selbst zu finden ist wirklich wichtig. Mein Mann sagt immer, erst wollte ich nicht hin, dann wollte ich nicht heim. Und genau so war es. Nachdem ich Anschluss gefunden hatte, war ich sehr glücklich. Ich hatte Menschen gefunden, die dieselben Probleme und Ängste hatten wie ich. Trotzdem war es harte Arbeit, mich aus dem Loch herauszuziehen.

Ich arbeitete täglich mehrere Stunden an mir und meinen Problemen. Oft war es sehr schmerzhaft und ich musste mir desöfteren eingestehen, dass ich übertrieb oder die Situation falsch gedeutet hatte. Trotzdem – nein, genau deswegen kam ich an einen Punkt, an dem ich mich nicht mehr unterkriegen lassen wollte. Mir machten viele Dinge wieder Spaß und ich lernte, dass auch Gesellschaftsspiele Spaß machen können.

Selbstreflektion ist das A und O

Und trotzdem konnte ich diese gewonnene Lebensfreude nicht halten. Die abgesagte Wiedereingliederung machte mir mehr zu schaffen als ich zugeben wollte. Ich wollte wieder einer Tätigkeit nachgehen. Immer wieder versuchte ich, stark zu bleiben und mich in Geduld zu üben. Aber leider konnte ich meinen erarbeiteten Status nicht halten. Ich verlor immer wieder den Mut und zog mich immer mehr in mein Loch zurück. Doch anstatt mir Hilfe zu suchen, blieb ich stur und wollte niemanden mehr an mich wirklich ranlassen.

Es ist nicht leicht, sich das Ganze einzugestehen. Immer wieder merke ich, wie wichtig die Selbstreflektion ist. Nicht nur für mich, sondern auch für meine Mitmenschen. Es machen sich ja nicht nur meine Eltern Sorgen, sondern auch mein Mann und meine engsten Freunde. Aber auch das versuchte ich immer weiter von mir zu schieben. Schließlich braucht sich niemand um mich Sorgen. Ich bin erwachsen und kann das alles ganz gut. Dachte ich.

Vorsätze sind nicht nur zum Jahreswechsel passend

Natürlich mache ich mir immer wieder Vorsätze. „Morgen stehe ich früh auf und gehe ins Fitnessstudio, danach gleich einkaufen.“, ist nur ein Beispiel für einen guten Vorsatz. Doch wenn ich ganz ehrlich bin, halte ich diese Vorsätze zu 95% nicht ein. Meistens komme ich gar nicht aus dem Bett. Ich schlafe im Durchschnitt momentan zwischen 12 und 14 Stunden am Tag. Ja, ich kann durchaus sagen, dass ich das Schlafen genieße, schließlich konnte ich lange genug nicht schlafen. Schließlich denkt man nicht nach wenn man schläft. Auch das ist sehr positiv für mich.

Das Grübeln ist momentan wieder verstärkt da. Es dreht sich allerdings nicht mehr so sehr um die Arbeit wie noch vor der Reha. Mittlerweile dreht es sich um mein ganzes Leben. Immer wieder gehe ich meinen bisherigen Weg durch und frage mich, was ich hätte anders machen können. Schulisch, beruflich und vor allem freundschaftlich. Ich merke, wie mich eine ganz bestimmte – ehemalige – Freundschaft auffrisst. Aus dem Weg kann ich dem Ganzen nicht gehen, also muss eine andere Lösung her. Und meistens zerpflücke ich die ganze Situation nachts, was natürlich zu erheblichen Schlafstörungen führt.

Trotzdem versuche ich mich nicht komplett klein kriegen zu lassen. Ich solle mehr das tun, was mir Spaß macht. Doch wenn schon morgens der Antrieb fehlt, um etwas zu erledigen oder unternehmen, wird es schwierig.

Einer der wenigen glücklichen Momente mit unserem Hund.

Letzte Worte zu dem Artikel

Trotz allem versuche ich mich natürlich nicht komplett hängen zu lassen. Ich werde auf jeden Fall wieder öfter meine Gedanken und Gefühle hier niederschreiben. Leider kann ich Euch noch keine Ratschläge oder Ähnliches geben, da ich ja selbst momentan in diesem Tief stecke. Natürlich nehme ich Euch mit auf die Reise und sobald ich Tipps und Tricks habe, werde ich Euch informieren.

Wichtig ist noch zu unterscheiden, ob man einen Rückfall oder nur eine schwere Phase hat. Ein Rückfall muss sich schrecklich anfühlen, aber auch diese Phase hat es in sich. Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich etwas Respekt vor dieser Zeit habe. Dennoch geht es mir bei weitem nicht so schlecht wie vor der Reha. Das muss ich mir immer wieder vor Augen halten. Auch wenn es schwer ist, aber ich war schon viel weiter unten. Und das ist durchaus etwas positives. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass es besser wird. Mir ist durchaus klar, dass dies nicht einfach so passiert.

Es wird Zeit, mein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Und das muss bald passieren. Das ist mir durchaus bewusst. Ich überlege auch, ob ich wieder Therapiestunden bei meiner Psychologin nehmen soll. Es ist an der Zeit, wieder etwas mehr an mich zu denken. Ich achte sehr auf meine Mitmenschen, aber wenn es mir nicht mehr gut geht, muss ich diesen Egoismus aufwenden, damit es mir besser geht. Und diesen Egoismus habe ich verdient. Denn ich zähle als Mensch genauso. Auch ich habe das Recht, dass es mir gut geht.

Bis bald, Eure Jessica.

Hilfe holen

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

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