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Die Entscheidung

Mir geht es so gut wie schon lange nicht mehr. Heute kann ich es nicht lassen, ich muss die ganze Zeit grinsen. Ich fühle mich gut. Wirklich, richtig gut. Genüsslich sitze ich in meinem Lieblingscafé und genieße einen großen Latte Macchiato. Endlich habe ich den Schritt gewagt, vor dem viele Menschen Angst haben. Mein neues Leben beginnt. Aber von Anfang an.

Die Anfänge meiner Depression

Zu allererst möchte ich sagen, dass dies keine Schuldzuweisungen sind. Ich möchte nur komplett ehrlich sein und meine Ansicht und Gefühle aufschreiben.

Da mein Privatleben stets geregelt und gut strukturiert ist, hing ich mich sehr in meine Arbeit rein. Ich war sehr gerne in der Arbeit, habe gerne Überstunden gemacht. Zusatzaufgaben waren nie ein Problem. 2015 fing ich bei meiner Firma über eine Zeitarbeitsfirma in der Buchhaltung an. Mein Gott, was war ich glücklich. Ich wollte immer in die Buchhaltung. Für die meisten Menschen ist das der langweiligste Job der Welt. Für mich war es immer ein Traum. Ich hatte zwei Mädels in meinem Büro, mit denen ich mich sehr gut verstand und immer noch verstehe. Wir waren ein richtig gutes Team und ich freute mich täglich auf die Arbeit. Es ging sogar so weit, dass wir auch Privat unterwegs waren. Die eine oder andere Partynacht haben wir zusammen verbracht. Es war immer so unglaublich lustig, dass ich hoffte, dass diese Zusammenarbeit und Freundschaft nie endet.

Eines Tages stieg eine der Damen etwas auf. Sie war nur ein Büro weitergezogen, das war auch kein Thema. Man konnte ja immer noch quatschen und sich zusammen den Kaffee holen. Zu zweit war die Arbeit mehr, aber immer noch machbar. Da meine direkte Kollegin alleinerziehend war, war für mich klar, dass ich die Überstunden übernehme – sollte etwas wichtiges anstehen. Und so begann alles.

Die Überstunden häuften sich

Immer öfter kam mein direkter Vorgesetzter zu mir und gab mir „Spezialaufgaben“. Also alles, was so nebenbei anfiel. Ich freute mich sehr, dass er scheinbar so viel Vertrauen in mich hatte, dass ich diese Aufgaben bekam. Und so machte ich gerne diese Überstunden. Eines Tages merkte ich, dass sich meine direkte Kollegin nicht mehr wohl fühlt und ich versuchte, es ihr so angenehm wie möglich zu machen. Leider war mir das nicht möglich – aufgrund einiger anderen Vorkommnisse. Schnell war klar, dass sie sich einen anderen Job suchen möchte. Und auch tat. Ihr letzter Tag war sehr schnell gekommen und wir hatten leider keine anständige Übergabe.

Also war ich alleine. Ich wollte die Arbeit vorübergehend alleine meistern. Ich war sehr motiviert und ich machte meinen Job recht gut, denke ich. Allerdings merkte ich, dass es mir immer schwerer fiel Feierabend zu machen. Ich konnte zu Hause nicht abschalten. Die Monatsabschlüsse waren der Horror geworden. Was wir vorher zu dritt gemeistert hatten, blieb nun an mir alleine hängen. Mittlerweile ging ich ins Wochenende, schaltete aber nie ab. Immer wieder dachte ich an die Arbeit und wie viel ich noch schaffen musste. Ich hatte kaum noch anständige Erholzeiten, da ich in Gedanken absolut immer in der Arbeit war. Mitten in der Nacht fiel mir wieder etwas ein, was ich übersehen hätte können und schickte mir eine Mail an meine Arbeitsadresse.

Ich habe oft mit meinem direkten Vorgesetzten gesprochen. Wir arbeiteten eng zusammen und irgendwie gefiel mir das. Ich mochte meinen Vorgesetzten gerne. Schließlich gab er mir die Chance ohne praktische Kenntnisse in die Buchhaltung zu gehen. Das dies aber mein eigener Verdienst war übersah ich sehr sehr lange.

Die wechselnden Arbeitskollegen

Ich bin ganz ehrlich. Ja, ich hatte ziemlich hohe Ansprüche an einen neuen Kollegen bzw. an einer neuen Kollegin. Ich wollte einfach jemanden, der fleißig war und sich auch mal reinhängt. Also eigentlich wollte ich so jemanden wie mich. Jemanden, mit dem ich das alles schaffen konnte. Erst hatte ich eine Dame von einer Zeitarbeitsfirma, die zwar nett war, aber nichts auf die Reihe bekam. Ich ging damals zwei Wochen in den Urlaub und hatte dermaßen Bauchschmerzen, dass ich zu meinem Vorgesetzten ging und ihm das mitteilte. Auch er hatte Angst vor diesen 14 Tagen und wir waren uns einig, dass dies nicht die Lösung war. Allerdings wollte er mir den Urlaub nicht streichen und wir sprachen mit ihr nach meinem Urlaub, dass die Zeit bei uns vorbei war. Dieser Urlaub ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben, da sie mich mindestens 7 mal am Tag angerufen hat.

Somit konnte ich auch hier nicht abschalten. In meinem Urlaub wurde ein Herr eingestellt, der mich unterstützen sollte. Ich wurde nie ganz warm mit ihm. Er hat einfach eine andere Arbeitseinstellung als ich. Ganz sicher war ich mir nicht, dass wir jemals gut zusammenarbeiten. Auch das habe ich meinen Vorgesetzten gesagt. Zu der Zeit hatte ich öfter kein Blatt vor den Mund genommen. Schließlich ging es um „meine“ Abteilung. Trotzdem blieb er. Sehr zu meinem Leidwesen. Wirklich, ich gab ihm immer wieder Chancen, aber er brachte einfach nichts auf die Reihe. Nach ein paar Wochen bekamen wir eine Dame, die intern zu uns wechselte.

Zwischen der Dame und meinem Vorgesetzten war es nicht immer einfach. Sie mochten sich einfach nicht. Wenn einer der Beiden einen Fehler gemacht hat, wurde ich zur Verantwortung gezogen. Die Sonderthemen blieben bei mir, da ich die meiste Erfahrung in unserem Büro hatte. Auch die Dame ging nach kurzer Zeit wieder und ich war mit meinem Kollegen wieder allein.

Trotzdem blieb alles schwierig

Auch der Urlaub nach dem Jahresabschluss blieb mir in Erinnerung. Ich war in Düsseldorf und bekam meinen Heiratsantrag. So unglaublich glücklich war ich noch nie. Trotzdem bekam ich immer wieder Anrufe von meinen Kollegen. Auch hier konnte ich nicht abschalten. Ich hatte also keinerlei Ruhezeiten mehr. Immer öfter bemerkte ich, dass ich grundlos gereizt war. Meine Kopfschmerzen waren nahezu täglich vorhanden.

Im Betrieb gab es eine Systemumstellung. Leider war diese alles andere als einfach. Aber gut, eine Systemumstellung ist nie einfach. Wir mussten das Programm aus dem Nichts raufziehen. Wir erarbeiteten uns neben der täglichen Arbeit ein System. In dieser Zeit arbeitete ich viel mit den anderen Buchhaltungsabteilungen zusammen. Ich zog mich während der Arbeitszeit oft zurück und testete die erarbeiteten Änderungen. Natürlich musste ich danach meine normale Arbeit noch vollziehen. Aber auch das machte ich irgendwie gerne.

Das neue System machte uns solche Schwierigkeiten, dass der Aufwand immer größer wurde. Ich saß oft bis spät Abends in der Firma und arbeitete wie eine Verrückte. Aber auch hier war ich stolz, dass mein Vorgesetzter solches Vertrauen in mich hatte. Trotzdem merkte ich, dass mir alles über den Kopf wuchs und ich immer noch mehr an die Arbeit dachte. Mein Privatleben fand überhaupt nicht mehr statt.

Die neue Kollegin

Nachdem das System einige Zeit lief, bekamen wir eine neue Kollegin. Diese ist etwas älter, aber sehr gewissenhaft. Ich verstehe mich prima mit ihr. Wir hatten viel Spaß in der Arbeit. Sie machte mich darauf aufmerksam, wie viele Überstunden ich eigentlich machte. Aus diesem Blickwinkel hatte ich das Ganze noch nicht gesehen. Ich war zuletzt auch so dermaßen gereizt in der Arbeit, dass ich immer wieder in Tränen ausbrach. Es war mir einfach alles zu viel. Natürlich kam noch die Hochzeitsplanung hinzu. Jeder, der schon einmal eine Hochzeit geplant hat, weiß, wovon ich spreche. Ich war nur noch mies drauf und mir unterliefen einige Fehler in dieser Zeit.

Meine Kollegin versuchte, mich von diesem Trott wegzuholen. Das rechne ich ihr verdammt hoch an. Aber leider kam diese gute Seele zu spät. Ich war schon mittendrin. Immer wieder war meine absolute Verzweiflung groß. Mittlerweile war ich so weit, dass wenn ich nach einem Arbeitstag heimfuhr, ich in der Garage sitzen blieb und erst einmal weinte. Noch schlimmer war es nur zu jedem Urlaubsanfang. Hier weinte ich schon beim Heimfahren. Allerdings als Freude, dass ich nicht zur Arbeit musste – auf der anderen Seite weinte ich, weil ich wusste, was mich erwartet, wenn ich wieder kam.

Der Zusammenbruch

Den Zusammenbruch habe ich bereits in meinem ersten Blogartikel verarbeitet. Hier der Link hierzu.

Hier könnt ihr nachlesen, wie es dazu kam, dass ich zum Arzt ging und wie mein Zusammenbruch war.

Die ersten Überlegungen

Mein Neurologe ist ja ein absolut toller Arzt. Auch, wenn ich oft Bauchschmerzen vor den Terminen hatte, muss ich sagen, dass er mir ausnahmslos immer weiterhilft. Er hatte mich gebeten, mir Gedanken zu machen, was der Auslöser für meine Depression sein könnte, damit ich dies aufarbeiten kann. In der Reha arbeitete ich so viel an mir, dass mir schnell klar wurde, woran es liegt – an meiner Arbeitsstelle. Durch die lange Überforderung und die fehlende Erholung (oft auch meinerseits) war ich ausgebrannt.

Ich tat wirklich alles, damit ich wieder zurück in meine Firma konnte. Lange arbeitete ich alles auf, was mein Verschulden an der Situation war und ich fühlte mich so dermaßen gestärkt, dass ich mich bereit fühlte. Dann kam Corona. Die Wiedereingliederung wurde abgebrochen – auch hier habe ich einen Blogartikel dazu verfasst:

Ich möchte es gar nicht auf Corona schieben, aber dieser Abbruch tat mir nicht gut. Überhaupt nicht. Ich fiel zurück in ein Loch, welches ich nur mit großer Mühe überstehen konnte. Trotzdem wollte ich zurück in meine Firma. Schließlich wussten alle, was ich konnte und geleistet hatte. Es kam zu einigen Telefonaten mit meiner Firma. Immer wieder wurde ich vertröstet. Auch das tat mir nicht gut. Schließlich musste es ja irgendwann weitergehen für mich.

Ich traf mich mit einem Arbeitskollegen zum essen und er erzählte von der Firma. Auch hier kam mir einiges zu Ohren, was mich zutiefst schockte. Aber damit hatte ich fast gerechnet. Ich wollte es nur nicht wahrhaben. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Ich konnte und ich wollte nicht mehr zurück.

Ganz ehrlich, ich erschrak so deramßen, dass ich solch einen Gedanken hatte. Aber trotzdem wollte ich es noch nicht wahrhaben. Immer wieder stellte sich dieser Gedanke ein. Ich wusste, dass sich in der Arbeit sich wenig ändern wird – schließlich muss man sich selbst ändern. Aber trotzdem war mein Ehrgeiz da und ich wollte auf biegen und brechen versuchen, dort wieder hinzugehen. Immer wieder bemerkte ich, dass mein Körper mir wieder Warnzeichen schickt und ich diese nicht nochmal ignorieren konnte.

Die Kündigung

Ich bekam wieder öfter Kopfschmerzen. Mein Blutdruck ging wieder nach oben. Immer, wenn ich daran dachte, wie ich zurück gehe. Und ich sagte zu mir selbst „STOP!“. Mein Körper möchte mir etwas sagen. Ich sprach in der Zeit viel mit meinen Eltern und meinen Mann. Meine Eltern waren nicht begeistert, dass ich solche Gedanken hatte und wir diskutierten viel. Ich hatte von einer „Kündigung auf ärztlichen Rat“ gehört und wollte mich hier erst bei meinem Arzt informieren, bevor ich weiter Pläne schmiedete. Allerdings fing ich bereits an Bewerbungen zu schreiben.

Meinen Termin beim Arzt fieberte ich entgegen. Ich sprach ihn direkt darauf an. Er erklärte mir, dass ich hierzu ein Formular von der Bundesagentur für Arbeit benötigte. Ich solle ihm dieses Formular vorbei bringen, er kümmere sich um den Rest. Auch nach dieser Information sprach ich viel mit meinen Eltern. Für meinen Mann war der nächste Schritt klar. So auch für meine „Reha-Mädels“. Vor allem meine liebste Stephi bekräftigte mich wieder sehr stark.

Nachdem ich mit meinen Eltern die Situation ausdiskutiert hatte, rief ich bei der Bundesagentur für Arbeit an. Ich hatte eine äußerst nette Dame am Telefon, welche mir die Unterlagen zuschickte. Gleich am nächsten Tag brachte ich das Formular zu meinem Arzt. Ich wartete noch ein paar Tage und schrieb meine Kündigung. Ganz ehrlich, ich zitterte, als ich diese zur Post brachte. Die Postbeamtin war ganz ergriffen von meiner Nervosität und am liebsten hätte sie mich gedrückt – zumindest laut eigener Aussage.

Bereits am nächsten Tag erhielt ich die Eingangsbestätigung der Kündigung meiner Firma. Heute gab ich das Firmeneigentum zurück. Ich sprach mit der Personalsachbearbeiterin, mit der ich mich immer gut verstand. Sie wünschte mir von Herzen alles Gute und ich verabschiedete mich von ihr. Und im Geiste auch von der Firma.

Letzte Worte zu dem Artikel

Nach der ganzen Arbeit an mir selbst, wollte ich mir einfach nicht eingestehen, dass ich mein Problem ganz anders angehen muss. Ich war lange nicht bereit, diesen Schritt zu gehen. Diese Entscheidung muss reifen. Und diese Entscheidung konnte mir keiner abnehmen. Immer wieder wurde ich gefragt, ob es nicht besser wäre, irgendwo einen Neuanfang zu wagen. Jedes mal verneinte ich. Ich wollte stark sein und beweisen, dass ich die Kraft habe, das alles zu überstehen. Beweisen, dass ich mich geändert habe und ich Grenzen setzen kann.

Ich hatte viele schlaflose Nächte wegen der Entscheidung. Immer wieder habe ich abgewägt, ob es auch das Richtige ist. Jetzt, nachdem alle notwendigen Schritte gegangen sind, kann ich sagen JA. Es war die richtige Entscheidung. Mir geht es so gut wie schon lange nicht mehr. Natürlich bin ich traurig, dass ich meine Kollegen nicht mehr sehe.

Und natürlich habe ich Respekt vor der neuen Situation. Aber seit Monaten bin ich zum ersten Mal wieder so gespannt auf die Zukunft, dass ich fast platze vor Neugierde. Gewiss wird die Zeit nicht einfach, in der ich vielleicht arbeitslos bin. Das finanzielle Thema wird mich sicher noch von den Socken hauen, aber ich weiß, dass ich das alles schaffen werde. Ich weiß, dass alles besser wird. Nicht nur beruflich. Nein, auch – oder vor allem – mein ganzes Leben. Meine Gesundheit dankt es mir jetzt schon.

Ich freue mich so unsagbar auf die Zukunft und gehe positiv darauf zu. Es kommt, wie es kommt. Oder wie meine Schwiegereltern zu sagen pflegen „et kütt wie et kütt und et hätt noch immer jot jejange“. Es wird alles gut werden, das habe ich im Gefühl. Und dieses Gefühl zu haben, ist so dermaßen toll. Hätte ich gewusst, dass die Kündigung diese ganzen positiven Gefühle aufbringt, hätte ich es vielleicht eher getan.

Ich liebe mein Leben momentan sehr. Diese Lebensfreude ist unsagbar stark. Meine Zeit beginnt jetzt. Und diese Zeit wird unbeschreiblich positiv.

Bleibt gesund und alles Gute, bis demnächst.

Eure (überaus glückliche) Jessica

Hilfe holen

Wichtig ist, sich bei suizidalen Gedanken Hilfe zu suchen. Bitte scheut Euch nicht, Hilfe anzufordern. Jeder braucht mal Hilfe. Mit diesem Slogan wirbt auch die TelefonSeelsorge Deutschland. Bitte nehmt diesen Service wahr, wenn Ihr Gedanken habt, die nicht richtig erscheinen. Egal, wie verzweifelt Ihr seit, es gibt IMMER – absolut IMMER – einen Weg bzw. eine Alternative!

Telefonnummer der TelefonSeelsorge Deutschland:
0800/111 0 111
0800/111 0 222
116 123
Website:
https://www.telefonseelsorge.de/
Auf der Website könnt Ihr euch auch schriftlich mitteilen oder einen Standort in Eurer Nähe suchen.

Ein Kommentar

  • Andrea Klemt

    Liebe Jessie,
    das klingt ganz toll und du kannst nicht nur stolz darauf sein, diesen Schritt der Kündigung gewagt zu haben, nein, auch auf die Erkenntnisse, die du für dich gewonnen hast. Du hast mit Kraft, trotz Depression, das gefunden, was Dich glücklich macht!
    Wenn man etwas wirklich will, dann klappt das auch und es fügt sich manchmal sogar alles, wie durch Zufall. Das, liebe Jessie, möchte ich dir für eine nächsten Schritte mitgeben.
    Weiterhin viel Kraft und eine glückliche Zeit!
    Andrea, eine deiner Reha-Mädels 🙂